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Kongress des Vereins «Verdingkinder suchen ihre Spur»

Am 28. November 2004 fand in Glattbrugg der Kongress des Vereins "Verdingkinder suchen ihre Spur" statt. Mehr als 200 Betroffene nahmen daran Teil. Ziel ist es unter anderem, Druck zu machen, damit das Thema endlich historisch aufgearbeitet wird. Ein entsprechendes Projekt ist beim Schweizerischen Nationalfonds bereits im März eingereicht worden. Doch die Geschichtsforscher warten immer noch auf die Freigabe von finanziellen Mitteln. «Die Zeitzeugen, die wir befragen wollen, sind teilweise schon sehr alt», sagt Thomas Huonker, einer der am Projekt beteiligten Historiker. «Es eilt.»

Informationen zur Tagung "Verdingkinder suchen ihre Spur"
Betroffenen-Erhebung

Interessenten können sich gerne bei mir melden. Ihre Anfrage wird vertraulich an den Vorstand des Vereins "Verdingkinder suchen ihre Spur" weitergeleitet. Falls Sie gerne Ihre Geschichte der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen, ist dies auf meiner Webseite unter "Betroffene" möglich. Bitte melden Sie sich dazu bei mir.

Vielen Dank an Herrn Dr. Thomas Huonker für die Genehmigung, sein Einleitungsreferat auf dieser Webseite zu veröffentlichen.

Schweizer Fernsehen "Schweiz Aktuell": Film Bericht über Kongress

Einleitungsreferat zur Tagung
28. November 2004, im Novotel, Glattbrugg bei Zürich
Dr. Thomas Huonker

PDF Dokument

Verdingkinder suchen ihre Spur

Liebe Anwesende,

es ist für uns alle bewegend, uns hier zu treffen und gemeinsam ein Wegzeichen zu setzen bei der Thematisierung der Geschichte der Verdingkinder. Ich danke allen Betroffenen, die sich hier eingefunden haben. Sie haben diesen Teil der Schweizer Geschichte in ihrer Kindheit selber am eigenen Leib erlebt. Es ist für Sie alle nicht einfach, sich dieser Geschichte und Erfahrung zu stellen, mit ihr zu Recht zu kommen. Das gilt auch für die Angehörigen und Nachkommen der Betroffenen. Besonderen Respekt möchte ich jenen Betroffenen bezeugen, die innerhalb weniger Monate den Verein „Verdingkinder suchen ihre Spur“ ins Leben riefen und diese Tagung organisierten. Ich hoffe, dass der Verein in Ihren Reihen, liebe Anwesende, weitere Mitglieder findet und dass Ihnen diese Tagung nicht nur das Gefühl, sondern die Sicherheit gibt, dass Sie mit ihrem Schicksal nicht allein da stehen. Es ist ein Schicksal, das in der Schweiz über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hin gerechnet Hunderttausende betroffen hat.

Ganz wichtig ist uns auch der Dank an all jene, die mit persönlichen Briefen an der Aufarbeitung des Themas Interesse zeigten. Sie formulierten oft schon in diesen Briefen wichtige und erschütternde Aussagen zu ihrem Lebensweg. Von zentraler Bedeutung sind auch diejenigen unter Ihnen, welche die Kraft aufbrachten, durch das Aufschreiben der eigenen Lebensgeschichte sich damit auseinander zu setzen und sie für die Mit- und Nachwelt festzuhalten. Etliche dieser Lebensgeschichten wurden, vielfach im Selbstverlag und auf eigene Kosten, in den letzten Jahren publiziert. Sie finden auf dem Büchertisch Exemplare dieser Arbeiten.

Ich danke auch den Medienschaffenden, die dieses Thema seit nun bald einem Jahr mit Dokumentarfilmen, Radiosendungen, Artikelreihen und Interviews mit Betroffenen aus langjähriger Verdrängung wieder in die oberen Schichten des gesellschaftlichen Gedächtnisses gehoben haben. Dank gebührt auch jenen Mitgliedern des Nationalrats, welche die Aufarbeitung auch dieses Kapitels der Schweizer Geschichte fordern und unterstützen. Wir hoffen, dass auch der schweizerische Nationalfonds, der sich dazu noch nicht durchgerungen hat, bald den Mut dazu finden wird. Es ist uns, den hier ebenfalls anwesenden Historikerinnen und Historikern sowie dem Gesuchsteller Professor Ueli Mäder ein Anliegen, das im Februar dieses Jahres eingereichte Projekt zur der Geschichte der Verdingkinder möglichst bald beginnen zu können. Allzu lange hat der Wissenschaftsbetrieb dieses Thema auf die lange Bank geschoben. Es ist jetzt höchste Zeit, die Zeitzeugen dieser Vorgänge zu befragen und ihre Stimmen zu dokumentieren. Wie mir Herr Rudolf Bolzern vom Nationalfonds vorgestern sagte, wird der Forschungsrat des Nationalfonds im Dezember über unser Projekt entscheiden; es lägen dazu dann Expertisen vor.

Es ist für einen Aussenstehenden, der das, was die Betroffenen selber erlebten, nur aus Erzählungen, Briefen, Büchern, Zeitungsartikeln, amtlichen Dokumenten und Statistiken kennt, in vieler Hinsicht einfacher, aber in anderer Hinsicht auch schwieriger, sich damit zu befassen als für die, die es selber erlebten und die wissen, wie es damals gewesen ist. Vieles, was vor sich ging, kann man sich aus einer behüteteren Lebenserfahrung heraus kaum vorstellen. Es braucht dazu Einfühlung und die Fähigkeit, zuzuhören und nachzufragen. Es ist auch für die Forschenden schwer, mit so viel krassem Elend konfrontiert zu werden. Andererseits sind die Betroffenen, die ihre Geschichten erzählen können, auch jene, die einen Umgang mit ihrem Schicksal fanden und ihren Weg gehen. Diese Leistung ist allerdings nicht allen Betroffenen vergönnt. Etliche starben früh oder kamen gar nie aus dem Elend heraus. Sie kamen nach dem Aufwachsen als Fremdplatzierte in Anstalten und Institutionen für Erwachsene oder sie griffen zu Alkohol, andern Suchtmitteln oder Tabletten. Dennoch: Viele haben es geschafft und vermitteln dem Leser ihrer Erinnerungen oder den Zuhörern ihrer Lebensgeschichte Kraft und Lebensweisheit.

Ich lese Ihnen zwei Zitate aus den 200 Briefen ehemaliger Verdingkinder vor, die wir vom Schweizer Fernsehen erhielten.
Eine Frau schrieb: „Ich habe in meinem ganzen Erwachsenenleben nie mehr so hart und viel gearbeitet wie als Kind.“

Das zweite Zitat ist ein Ausschnitt aus einem Brief über drei Kinder aus einer Familie, deren Mutter früh verstarb und deren Vater gesundheitlich angeschlagen war:
„Meine Schwester, mein Bruder wie auch ich wurden 1947 verdingt. Mein Bruder durchlebte die Hölle. Ich kam mit knapp 9 Jahren zu einer Familie als ‚Knechtli’.
Es war eine harte und kaltherzige Zeit. Die Wärme, die ich gebraucht hätte, gab es nirgends. Ich musste von früh bis spät arbeiten. Mein Tag begann um 5 Uhr 30. Ich musste bei den Kühen ausmisten und die Schweine füttern. Danach brachte ich die Milch in die Käserei. Nach einem schnellen Frühstück ging’s in die Schule. Danach musste ich bis zum Nachtessen um 19 Uhr 45 dem Bauern helfen. Nach den meist kargen Mahlzeiten musste ich noch abwaschen und aufräumen, so dass ich erst nach 21 Uhr die Hausaufgaben erledigen konnte. Oft war ich so müde, dass ich dabei einschlief. Meine einzigen freien Stunden hatte ich sonntags von 14 bis 17 Uhr.“

Die meisten dieser Briefe berichten von körperlichen Züchtigungen, harten Entbehrungen, Demütigungen und Ausgrenzungen, von Ausgelacht-Werden und Beschimpft-Werden. Etliche Betroffene wurden sexuell missbraucht. Fast alle beklagen den Mangel an mitmenschlicher Zuwendung, oft auch seitens der Eltern, die ihre Kinder ja teilweise selber weggaben oder weggeben mussten, vor allem aber seitens der Erziehenden und auch seitens der Zuständigen, welche die Fremdplatzierungen veranlassten oder sie zu überwachen gehabt hätten.

Einige Verdingkinder hatten Glück und kamen an Pflegeplätze, wo sie gut aufgehoben waren und anständig behandelt wurden. Auch das muss gesagt und dokumentiert werden.

Auch viele von jenen, deren Kindheit überwiegend einsam, traurig und demütigend war, berichten von einzelnen lichten, wohltuenden Momenten und Situationen. Sie erzählen von ihrer Ermutigung und Stärkung durch Kontaktpersonen wie Mitbetroffene, Nachbarn, Verwandte, Lehrer oder andere Menschen mit Mitgefühl und Zivilcourage. In der langen Geschichte der Kinder, die verdingt und abgeschoben, getrennt von Eltern und Geschwistern aufwachsen und bei schmaler Kost, in billiger Kleidung und karger Unterkunft strenge Arbeit verrichten mussten, während andere Kinder Zeit für Spiel und Freizeit hatten, hätte es noch viel mehr solcher Momente und Aktivitäten von Zuwendung, Mitgefühl und Ermutigung gebraucht, als es sie tatsächlich gab.

Genau darin besteht ein Grossteil der Schuld der Gesellschaft gegenüber den Betroffenen, dass solcher Zuspruch, solche Unterstützung allzu oft unterlassen wurden. Man sah weg, wollte nichts davon wissen, obwohl man es wusste. Man war gleichgültig, kalt und feige. Hinzu kam, dass einige aufrechte und mutige Menschen, welche ihre Stimme gegen die Missstände im Umgang mit Verdingkindern und in Anstalten erhoben, dies mit gesellschaftlicher Ausgrenzung und Kaltstellung bezahlen mussten. So erging es Carl Albert Loosli oder Peter Surava.

Der andere Teil der Schuld der Gesellschaft war, dass das Elend der Verdingkinder ganz bewusst in Kauf genommen, politisch angestrebt, beschönigt und verteidigt wurde. Die politische und rechtliche Gestaltung und der Vollzug der Rahmenbedingungen bei möglichst billigen Kostgeldtarifen, die entsprechenden Amtshandlungen und Finanzbudgetierungen, aber auch der perverse Gedanke, arme Familien auseinander zu reissen statt sie zu unterstützen, das waren konkrete Handlungen, Haltungen und Entscheidungen der Entscheidungsträger. Sie wurden bewusst gefällt und im Angesicht und unter den Tränen der darunter Leidenden erbarmungslos durchgeführt.

Es trifft zwar zu, dass vieles in diesen Abläufen mit dem besten Willen von Erziehern und Amtspersonen verbunden war, alles richtig und korrekt zu machen. Aber dieser gute Wille ging vielfach von verfehlten Voraussetzungen aus, wie etwa: „Ein bisschen Hunger und strenge Arbeit hat noch keinem geschadet“; oder: „Wenn es nun einmal so eingerichtet und amtlich abgesegnet ist, wird es schon seine Richtigkeit haben und muss halt so gemacht werden“.
Und es gab Nutzniesser des Systems und Täter, die keineswegs guten Willen hatten, sondern denen es um eigenen materiellen Vorteil, um Machtspiele, um Erniedrigung, Ausnützung und Ausbeutung der Opfer ging.

Ebenso stimmt das Argument, dass sexueller Missbrauch, Ausbeutung und Erniedrigung der Schwächsten, also der Kinder, auch in sogenannt normalen und ebenfalls in den sogenannt besten Familien vorkommen. Das ist so, und leider wird sich dies auch kaum je vollständig verhindern lassen.
Dass jedoch einige gesellschaftliche Gruppen, zum Beispiel die Kinder von oft seit Generationen armen Leuten sowie die Kinder lediger Mütter, wissentlich in Situationen hineinbefördert wurden, wo die Risiken und die Wahrscheinlichkeit solcher Missbräuche und Missstände weit höher waren als in der üblichen Familiensituation, und dass nicht alles unternommen wurde, um dies zu verhindern, darin liegt ein spezielles Problem, das nicht mit der allgemeinen menschlichen Unzulänglichkeit und auch nicht mit dem sogenannten „Zeitgeist“ wegerklärt werden darf.

Die einzelnen Betroffenen, der Verein und die Öffentlichkeit müssen sich auch der Frage stellen, was es, neben der Offenlegung und Anerkennung des angerichteten Leids und Unrechts und neben dessen historischer Aufarbeitung und Einordnung zusätzlich braucht, um der Thematik in Anstand und Würde beizukommen.
Ganz wichtig ist die Selbsthilfe durch Selbstorganisation.
Nötig ist auch eine Begleitung der Betroffenen bei der Suche nach verschollenen Verwandten und bei der Akteneinsicht.
Auch die Thematik einer Entschädigung für das Erlittene steht im Raum.
Solche Forderungen sind, wie bei jeder erlittenen Schädigung, legitim und in unserem Rechtsempfinden wie auch in unserem Rechtssystem tief verwurzelt.
Vielen Betroffenen geht es aber gar nicht darum.
Andere, Nicht-Betroffene, spielen die verschiedenen Gruppen von Geschädigten gegeneinander aus. Weil die aus ihren Familien gerissenen Jenischen eine niedrigere sogenannte Wiedergutmachung erhalten hatten, als in einem Gesetzesentwurf für die Zwangssterilisierten ursprünglich vorgesehen war, wurde deren Entschädigung alsbald reduziert. Der Bundesrat lehnt nun auch diese minimale Entschädigung für die Zwangssterilisierten mit der Begründung ab, sonst würden auch noch die Zwangsinternierten und die ehemaligen Verdingkinder entsprechende Ansprüche stellen. So lauten im Parlament offiziell geäusserte Überlegungen und finanzielle Ängste des Bundesrats, die aber gegenüber anderen Menschengruppen vom selben Bundesrat nicht vorgebracht wurden. Dafür, dass die Atomkraftwerke Kaiseraugst und Graben gemäss demokratischen und juristischen Entscheidungen nicht gebaut werden konnten – was ich persönlich für ein Glück und keineswegs für einen Schaden halte – erhielten die AKW-Planer wie General Electrics, deren Exponenten durch diesen Baustopp jedoch in keiner Weise körperlich oder seelisch geschädigt wurden, in den Jahren 1989 und 1996 Entschädigungen in der Gesamthöhe von 577 Millionen Franken Steuergelder zugesprochen. Diese Leute erhielten also Entschädigungen in einer ganz anderen Grössenordnung für rein materielle Einbussen. Ich denke, hier sind die Relationen und auch die regierungsseitig vorgebrachten Argumente nicht stimmig.

Man hört bei den Debatten zur Geschichte Ausgegrenzter und Misshandelter auch immer wieder die Formel, das sei ja nun vorbei und man solle es vergessen. Man solle diese Dinge ruhen lassen. Dazu ist zu sagen, dass solche Umstände und Erlebnisse nicht einfach ruhen, wenn sie geschehen sind. Sie brodeln und nagen weiter in den Seelen der Betroffenen und ihrer Nachkommen und sie können, wenn sie nicht gesellschaftlich offen gelegt und ausdiskutiert werden, sich als gesellschaftliche Missstände vielleicht in neuer, oft aber auch in derselben alten Form wieder einschleichen und ausbreiten.

Ich glaube, wir alle in diesem Saal wollen mit unserem Einstehen für die Anerkennung, Offenlegung und Würdigung des Unrechts, das an den Verdingkindern und anderen Menschen mit ähnlichen Schicksalen über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg getan wurde, in erster Linie etwas dazu beitragen, dass solche Zustände hier bei uns nie wieder zum gesellschaftlich Üblichen und Gängigen gemacht werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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St.Galler Tagblatt
November 2004
Georg Farago

Verlassen, verkauft, verdingt

An ihrem ersten Kongress fordern ehemalige Verdingkinder die wissenschaftliche Aufarbeitung ihrer Schicksale

Armut trieb bis vor wenigen Jahrzehnten tausende von Kindern in den Verdingdienst. Ihr Werdegang war oft geprägt von menschlicher Kälte und Brutalität. Erst in den letzten Jahren haben die Betroffenen angefangen, Druck für eine historische Aufarbeitung zu machen.

Sie waren Waisen oder die Kinder sehr armer Leute, aus zerrütteten Familien, von Alkoholikern oder unverheirateten Müttern. Die Zahl derer, die im 19. und 20. Jahrhundert von den Behörden fremdplatziert wurden und als so genannte Verdingkinder für eine Pflegefamilie arbeiten mussten, geht in die Hunderttausende. Genaue Angaben gibt es noch nicht. Doch allein im Stichjahr 1930 sollen schweizweit rund 30 000 Kinder und Jugendliche zumeist auf Bauernhöfen untergebracht gewesen sein, wie der Historiker Marco Leuenberger in seiner Lizenziatsarbeit von 1991 dargelegt hat. Dort sollten sie nach Ansicht der Behörden erst einmal lernen, «richtig zu arbeiten».

Zerstörte Existenzen

Nicht allen sei es schlecht gegangen, manche hätten liebevolle Aufnahme in ihren neuen Familien gefunden, hält Leuenberger im Gespräch fest. Doch schriftliche Zeugnisse zahlreicher Betroffener liessen schliessen, dass das Los sehr vieler, wohl der meisten Pflegekinder, hart, ja grausam war. Eigentlich hätten sie von den Pflegeeltern wie die eigenen Kinder behandelt und erzogen werden müssen. So schrieb es jedenfalls das Zivilgesetzbuch von 1912 vor. Die Realität sah anders aus: Hunger, Kälte, ununterbrochene Arbeit, Schläge und sexueller Missbrauch waren an der Tagesordnung. Menschliche Wärme wurde ihnen vorenthalten, an eine berufliche Ausbildung war in den meisten Fällen nicht zu denken. Zahllose zerstörte Existenzen und eine erschreckend hohe Selbstmordrate unter den ehemaligen Verdingkindern waren und sind die Folge. 13 dieser Schicksale haben die Sirnacher Journalistin und Filmemacherin Lotty Wohlwend und der Toggenburger Arthur Honegger in einem eben erschienenen Buch vorgestellt. Turi Honegger, ein ehemaliger Verdingbub, hat sich aus schwierigen Verhältnissen hochgearbeitet und wurde ein bekannter Journalist, Politiker und Schriftsteller. Mit seinem Erstlingswerk «Die Fertigmacher», das im Sommer neu aufgelegt worden ist, hat er «jenen, die schweigen, eine Stimme geben» wollen, wie er sagt. Viele der ehemaligen Verdingkinder haben nämlich die Kraft nicht, sich auch nur ihren nächsten Angehörigen mitzuteilen. Jahrzehntelang war ihr Schicksal in der Schweiz kein Thema. Das änderte auch Marco Leuenbergers Arbeit von 1991 zunächst nicht. Erst in letzter Zeit ist der Ruf lauter geworden, das Verdingwesen historisch aufzuarbeiten. Der morgen in Glattbrugg stattfindende Kongress Betroffener und die Gründung des Vereins « Verdingkinder suchen ihre Spur» bilden einen ersten Höhepunkt.

Arm waren viele

Leuenberger erklärt sich das lange Zeit mangelhafte Interesse mit der Selbstverständlichkeit, mit der die Zeitzeugen die damalige Armut und Kinderarbeit als gegeben hinnahmen. Aus dem gleichen Grund werden seinerzeit die Behörden, Lehrer, Pfarrer und Nachbarn allzu oft weggeschaut haben, wenn ein Verdingkind in Not war. Schliesslich war Armut in der Schweiz - wie auch in den Nachbarländern, wo ähnliche Institutionen wie das Verdingwesen bestanden - bis weit ins 20. Jahrhundert ein verbreitetes Phänomen. Und auch, dass Kinder aktiv in das Erwerbsleben eingespannt waren, zumal auf dem Bauernhof, war lange eine Selbstverständlichkeit. Doch das Los der Verdingkinder unterscheidet sich von demjenigen der leiblichen Kinder einer Familie. Denn jene hatten immerhin Vater und Mutter, die in der Regel an einem möglichst günstigen Start ihrer Sprösslinge ins Erwachsenenleben interessiert waren. Die Verdingkinder dagegen galten nur als billige Arbeitskraft, wie Leuenberger sagt, als Wirtschaftsfaktor, der beitrug, die Strukturanpassung in der Landwirtschaft hinauszuzögern. Zudem waren die Verdingkinder unter den Armen die hilfloseste Gruppe, da sie gar keine Möglichkeit hatten, sich zu organisieren und zu wehren. Und wo Missbrauch problemlos möglich ist, kommt es zu Missbrauch.

Ende nach 1960

Erst die Mechanisierung in der Landwirtschaft sowie der wachsende Wohlstand nach dem Zweiten Weltkrieg machten das Verdingwesen zum Auslaufmodell. Nach 1960 kam es nur noch vereinzelt zu Platzierungen bei Bauernfamilien. Seit 1978 regelt eine Verordnung landesweit die Aufnahme von Pflegekindern. Doch bis dahin nahm zwar die Zahl der Verdingkinder rapid ab, das Schicksal der übrig Gebliebenen blieb aber hart. Bei der Organisatorin des Kongresses in Glattbrugg meldete sich Anfang Woche eine 36-jährige Frau. Ihre Erfahrungen aus den 70er-Jahren fügen sich nahtlos ein in jene älteren Berichte von Misshandlung und sexuellem Missbrauch.

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