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FACTS 43/05
27. Oktober 2005
Peter Hossli, Guido Rudolphi

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www.blossgestellt/im_netz.ch

Ein paar simple Tricks reichen, und schon sind Sie und Ihre privaten Daten im Internet aufgespürt. Das wussten Sie nicht? Dann kommen Sie mit auf Spionage im globalen Dorf. Sie werden genauso staunen wie unsere Bundesräte.

Es war, als würden Moritz Leuenberger öffentlich die Hosen ausgezogen. Lärmgeplagte Anrainer des Flughafens Kloten riefen im Internet dazu auf, dem Verkehrsminister doch in seinem Heim an der [Berg]strasse 67 in 8032 Zürich einen Besuch abzustatten. Man sei gezwungen, hiess es, eine private Audienz einzufordern, denn der Bundesrat weiche einer öffentlichen Konfrontation seit Jahren aus. Nun steht die Wohnadresse des Magistraten, bislang ein gut gehütetes Geheimnis, im World Wide Web, gleichermassen einsehbar in New York, Kinshasa oder Hinterkappelen BE. Und nicht nur das: Wer mit ein wenig Geduld sucht, der findet - Google sei Dank - in einem Internetforum auch die private Telefonnummer des SP-Politikers: 044 – 261 [43 56]». Mit der Adresse lassen sich dann auf www.telsearch.ch auch die Mitbewohner Leuenbergers und seine Nachbarschaft eruieren.

Das Internet-Telefonverzeichnis bietet zudem eine Umgebungskarte, die einen grosszügigen Einblick ins Quartier gewährt. Das alles ist ein Kinderspiel; das alles muss der Horror sein für die Sicherheitsbeamten des Bundes.

Nachbarn sind wir alle

Das Internet vergisst nicht. Nicht die Telefonnummer eines Bundesrats, nicht die E-Mail-Adresse eines Online-Shoppers, und, wenn er allzu sorglos ist, auch nicht seinen Kreditkarten-Code. 15 Jahre nach dem Start des Internets sind geschätzte 600 Milliarden Web-Dokumente abrufbar. Eine Milliarde Menschen haben Zugriff auf dieses kolossale Datenkorpus, 55,6 Prozent der Schweizer Bevölkerung (3 180 000 Personen) nutzen regelmässig das Netz. Sie alle hinterlassen Datenspuren, die kaum mehr zu verwischen sind. Das Web fichiert seine User, so dass selbst ein Laie mit ein paar simplen Tricks seinen Nachbarn im Global Village ausspionieren kann. Und die Nachbarn, das sind wir alle.

Moritz Leuenberger hat sein unfreiwilliges Outing im Internet ziemlich verärgert, er drohte mit einer Klage. Doch dazu wird es nicht kommen - obwohl die betreffenden Informationen immer noch online sind. Der Bundesrat muss einen Rückzieher machen, weil für eine Klage «derzeit die juristische Handhabe fehlt», sagt Sicherheitsexperte Stefan Arn, 44, Chef der Zürcher Softwarefirma Adnovum. Arn, der Firmen wie die UBS, Postfinance und auch Bundesstellen in Fragen der Datensicherheit berät, hat Schnüffelopfern wie Moritz Leuenberger nichts Erfreuliches zu sagen: «Ein Betroffener kann nichts machen, wenn andere gegen seinen Willen Daten ins Internet stellen. Das Netz ist ein offenes Tor.»

Calmy-Rey und Deiss sind vorsichtig

Sogar ein sperrangelweit offenes. Das müssen zumindest Leuenbergers Regierungskollegen Christoph Blocher und Pascal Couchepin feststellen. Die Herrliberger Adresse und die Telefonnummer des SVP-Bundesrats ([Haus zum Rosenhorn Wängirain] 53, 044 – 915 [81 61]) sind ebenso im Netz auffindbarwie die privaten Koordinaten des freisinnigen Innenministers (Av. [Gd-St-Bernard] 35, 1920 Martigny, 027-722 [41 26]).

Mag sein, dass Finanzminister Hans-Rudolf Merz schon im Vornherein kapituliert - von ihm gibt es einen aktuellen Telefonbucheintrag. Und Bundespräsident Samuel Schmid ist zwar an seinem Wohnort Rüti BE nicht im Telsearch registriert, doch allzu geheim sind Adresse und Telefonnummer nicht, denn seine Gattin ist dort zu finden. Sorgsam mit ihren Daten gehen Aussenministerin Micheline Calmy-Rey und Wirtschaftsminister Joseph Deiss um: Ihre Heimadressen sind im Internet nicht auf die Schnelle zu recherchieren.

Trotz unentwegter Expertenwarnungen tappt die Mehrzahl der User immer noch in die weltumspannende Datenfalle. Arglos surfen sie mit ungesichertem Rechner in der virtuellen Welt herum, verraten Intimstes, zuweilen Geheimes, laden Spione geradezu ein, in ihrem Privat- und Geschäftsleben herumzuschnüffeln.

Grobfahrlässiger Fussballverhand

Ein schier unglaubliches Beispiel dafür, wie unbedarft selbst Institutionen mit Personendaten umgehen, liefert der Schweizerische Fussballverband. Auf der offiziellen Homepage www.football.ch sind Handynummern, Privatanschlüsse und Wohnadressen beinahe aller wichtigen hiesigen Fussballtrainer und Vereinsfunktionäre aufgeführt. Hat man dort den Fall des Schiedsrichters Urs Meier bereits vergessen? Der erkannte beim WM-Spiel zwischen England und Portugal im letzten Jahr ein Tor der Engländer nicht an. Darauf veröffentlichten britische Skandalblätter Telefonnummer und E-Mail-Adresse von Meier, und er musste ob der Morddrohungen von enttäuschten englischen Fussballfans sogar Polizeischutz anfordern. Die Daten hatte der britische Boulevard von Meiers Homepage. Und die Daten der Trainer und Funktionäre? Einsehbar für jeden, der es schafft, einen Computer anzuwerfen. Wenn ein Verband, der in den Stadien einen Kampf gegen Hooligans kämpft, so etwas tut, muss wohl von grober Fahrlässigkeit gesprochen werden.

Denn wie will man verhindern, dass einem unangenehme Internet-User nicht ganz übel mitspielen? «Ich weiss keine Antwort», sagt Internet-Experte Arn, der auch die Sicherheitssoftware für Christoph Blochers Justiz- und Polizeidepartement entwickelte. «Es gibt kein Rezept.» In der eigenen Firma handelt Arn nach der Devise «Deckel zu»: keine privaten Daten und Mitarbeiterlisten veröffentlichen, die eigene Homepage schützen. «In dieser Hinsicht bin ich superkonservativ», sagt Arn.

Angesichts des möglichen Schadens den nur schon Laien-Hacker anrichten können, mag es einen erheitern, dass einige User im Web bloss einen verschwundenen Busen suchen.

Für Busenfreunde erreichbar

«Hat jemand die (Playboy>-Bilder von Miss Schweiz Fiona Hefti?», fragt ein gewisser «Castro» in einem Internetforum. Er glaube nicht, dass die Bilder zu finden seien, antwortet Chatpartner «Japsenringo»: «Bilder aus dem (Playboy) sind hier verboten.» Anfang November 2004 - Fiona Hefti war wenige Wochen zuvor zur Miss Schweiz gewählt worden - machten Bilder aus der griechischen «Playboy»-Ausgabe die Runde, die etwas Busen der schönsten Schweizerin zeigen. Der «Blick» brachte die Bilder, Hefti musste sich rechtfertigen («Der Wind lupfte meine Bluse»), ihr Management intervenierte. Recht erfolgreich, die Fotos verschwanden und schienen vergessen. Sind sie aber nicht: Die Onlineausgabe von «20 Minuten» etwa, die den betreffenden «Blick»-Artikel abbildete, ist noch zu finden. Zwar tief versteckt in Internet-Archiven, aber erreichbar für etwas hartnäckige Busenfreunde.

Egal ob Brustbild oder Telefonnummer: Was einmal auf dem Web publiziert ist, kann kaum mehr zum Verschwinden gebracht werden. Das gilt umso mehr für Daten, die ein geneigtes Publikum finden: Sie werden ungefiltert und unkontrolliert kopiert und weiter verbreitet. In vielen Fällen sind die Quellen nicht ersichtlich, stattdessen entsteht ein Gemenge von Bildern, Fakten und auch Fälschungen. Wissenschaftliche Studien, Informationen von Behörden, politische, religiöse und ideologische Programme, Meinungen und Gerüchte - alles vermischt sich mit allem oder ist bloss noch durch einen einzigen Mausklick voneinander getrennt. Selbst ein Fachmann wie Arn gerät immer wieder ins Staunen: «Es ist unglaublich, auf was man im Internet alles stösst.» Für ihn gilt: Vertrauen ist im Web ungut, Kontrolle zwingend.

Aber solange nur wenige User dieses Motto beherzigen, eröffnet das Netz weiterhin tiefe Blicke auch in die Intimsphäre von Menschen, die sich eigentlich sehr bedeckt geben.

Beispiel Pascal Zuberbühler, Goalie der Fussballnationalmannschaft. Vor kurzem berief sich Zuberbühler auf das Recht an seiner Privatsphäre gegenüber den heftigen Angriffen des «Blicks» - im Internet allerdings stellt er sich selbst ins Schaufenster. Mit ein wenig Surfaufwand sind auf Google schöne Bilder vom Torwart zu finden: Zubi bewohnt mit seiner Ehefrau Beatriz ein schmuckes Einfamilienhaus mitten in den Rebbergen von Muttenz BL unweit von seiner Arbeitsstätte Sankt-Jakob-Stadion. Zu sehen sind Gattin Beatriz im Bild, Zubi im Rebberg oder auch Zubi in seinem Lieblingsrestaurant.

Auch die Ehefrau wird Allgemeingut

Und wie heisst eigentlich die Frau von Roche-Chef Franz Humer? Kein Problem: Majo [Fruithof] Sie betreibt in Zürich ein Goldschmiede-Atelier, Geschäftsadressen [In Gassen] 9 unmittelbar neben dem Paradeplatz. Wegen seiner Liebe zu [Fruithof] will der gebürtige Österreicher Humer seinen Wohnsitz von Riehen BL nach Zollikon an die Zürcher Goldküste verlegt haben; der Steuerfuss Zollikons beträgt 72 Prozent, die steuergünstigste Gemeinde des Kantons Zürich. Der Umzug brachte den Roche-Chef in die Schlagzeilen. Sonderbar ist allein schon, dass es die Schweizerische Depeschenagentur für nötig befand, in ihrem Newsticker den Namen von Humers Lebenspartnerin zu veröffentlichen. Im Internet-Zeitalter können solche Entscheide fatal sein: Eine Meldung verbreitet sich, ohne dass irgendjemand darüber nachdenkt, ob sie allenfalls jemandem schadet, ob sie die Intimsphäre eines Menschen verletzt.

Anonym bleibt meistens nur die Quelle, die Betroffenen werden nicht gefragt, ob ihnen die Veröffentlichung privater Informationen im Internet genehm ist. Sie müssen von Gesetzes wegen nicht einmal einwilligen - solange es nicht um offensichtliche Missbräuche im Kontext von Pornografie oder Gewalt geht, gibt es keine wirksamen gesetzlichen Mittel.

Eine ganze Siedlung im Zwielicht

Selbst wenn bloss aus Gedankenlosigkeit sensible Daten ins Netz gestellt werden, die Folgen können fatal sein. Etwa wenn auf einschlägigen Websites publiziert wird, die umstrittene Sterbehilfeorganisation Dignitas begleite suizidwillige Patienten an der Gertrudstrasse [84] in Zürich in den Tod. In diesem Fall gerät ein ganzer Wohnblock mit acht im Telefonverzeichnis eingetragenen Mietern in den Fokus der Dignitas-Gegner und auch ins Zwielicht.

Die Menge an digital gespeicherten und einfach abzurufenden Daten wächst und wächst. Immer mehr Websites fordern für die kleinsten Dienstleistungen oder manchmal nur fürs Lesen eine persönliche Registrierung. Die Seitenbetreiber sammeln die Angaben, um mit den daraus erstellten Userprofilen Werbekunden anzulocken. Und die meisten Websites platzieren kleine Programme - so genannte Cookies - auf dem heimischen Rechner, die das Surfverhalten ausspionieren. Ob ein User rosagrün karierte Socken bestellt, einen Ratgeber für Alkoholkranke oder einen Porno - jeder, der will, kann mitlesen.

Fachleute entwerfen unschöne Szenarien, zum Beispiel: Wer eine Lebensversicherung abschliessen möchte und kurz zuvor zur HIV-Infektion eines Freundes online recherchiert hat, bekommt in Zukunft vielleicht nur noch ein sehr ungünstiges Angebot von den Versicherern unterbreitet.

Zwar ist es möglich, mittels Spezialprogrammen, Anonymizer genannt, unter einer nicht identifizierbaren IP-Adresse zu surfen. Aber nur eine Minderheit der Internetbenutzer tut dies. Solange Web-Dummies gedankenlos die eigene Handynummer ins Netz tippen, hilft auch keine noch so raffinierte Sicherheitssoftware.

Einstweilen hegen die Schweizer Datenschützer einen frommen Wunsch: «Es sollte möglich sein, sich auf dem Internet anonym zu bewegen. Kaufe ich beispielsweise in einem Laden eine CD, muss ich auch keine Identitätskarte zeigen», sagt Kosmas Tsiraktsopulos, Sprecher des eidgenössischen Datenschutzbeauftragten. Die Schweizerische Stiftung für Konsumentenschutz empfiehlt realitätsnaher, sich für das Internet-Shopping mit einem Wegwerfmailkonto auszurüsten.

Womöglich vermag es den einen oder anderen zu trösten, dass auch sehr unangenehme Surfer zuweilen dümmer sind, als es das Netz erlaubt. So im folgenden Fall: Tausende Männer bestellten kürzlich Kinderpornografie. Die Verkäufer lieferten prompt. Pech für die Käufer, darunter auch Schweizer, war, dass die Kundendaten ungesichert auf den Kinderporno-Servern liegen blieben. Mit Namen, Adresse, Telefon- und Kreditkartennummer. Frei zugänglich. Auch für die Polizei.

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FACTS 43/05
27. Oktober 2005
Andreas Schmid

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«Detaillierter als die Fiche»

Was verrät das Internet über den obersten Datenschützer Hanspeter Thür? Ein Laie machte die Probe aufs Exempel und schnüffelte genau eine Stunde lang. Ein Porträt aus digitalen Daten.

Als es um seine Leidenschaft ging, vergass selbst der Chef-Datenschützer den Datenschutz. Vor fünf Jahren verkaufte Hanspeter Thür seinen Kajütkreuzer FFA, auf einer Internetseite für gleich gesinnte Bootsliebhaber pries er das Schiff an. Darunter die Privatadresse ( [Oberholz]strasse 21, 5001 Aarau) und die Telefonnummer seiner Anwaltskanzlei (062-822 01 71). Ein einziges Mal taucht im Netz auch Thürs Privatadresse auf, obwohl er sie aus dem Telefonbuch streichen liess. Die gefundene Anschrift verrät einiges, der Umgebungsplan im Web zeigt: ein beschauliches Eigenheimquartier am Rande Aaraus, vom Stadtbus erschlossen, in der Nähe eines Waldes.

Die eine Frage beantwortet das Internet nicht: Nein, er habe mit dem Segeln nicht aufgehört, sagt Thür. «Der Kajütkreuzer ist zwar verkauft. Aber ich legte mir ein neues Boot zu.»

Dank seiner sportiven Freizeitunternehmungen hinterlässt Thür weitere Spuren im Internet. Auf www.datasport.ch ist er als begeisterter Langläufer und Jogger identifizierbar. Sechs Mal lief Thür Hanspeter, 1949, Aarau, den Engadin Skimarathon. Seine Bestzeit aus dem Jahr 2003 steht bei 2 Stunden 29 Minuten 22,2 Sekunden, das ergab Rang 3878. Auch als Läufer erweist sich Thür kompetitiv: Der Greifenseelauf in Uster und der Zürcher Silvesterlauf gehören zu seinem Wettkampfprogramm.

Seine Handynummer hütet der Datenschützer sorgsamer und erfolgreicher als Wohnadresse und sportliche Resultate - die Mobilnummer lässt sich nicht aus dem Internet fischen.

 
Thürs Büro in Bern: http://earth.google.com
 

Dafür führt Google zu jeder Menge biografischer Details: Thür ist Vater einer erwachsenen Tochter und Bürger von Altstätten SG. Er wuchs am Bodensee auf, studierte an der Universität Basel Jus. 1975 schloss er sein Studium ab, drei Jahre später erwarb er das Fürsprecherpatent. In dieser Zeit engagierte sich der Anwalt politisch bei der Poch, trat aber nach drei Jahren aus der Partei aus. Karriere machte Thür bei den Grünen. 1985 wurde er in den Aargauer Grossen Rat gewählt. Von 1987 bis 1999 sass er im Nationalrat, drei Jahre als Fraktionschef der Grünen, zwischen 1995 und 1997 als Parteipräsident.

Am 23. Mai 2001 wurde Thür vom Bundesrat zum Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten ernannt, das damalige Communiqué der Bundeskanzlei ist immer noch im Netz aufzufinden. Drei Monate später, am 1. September, trat er die 50-Prozent-Stelle an und bezog als Nachfolger von Odilo Guntern sein Büro am Feldeggweg 1 in Bern. In dieser Funktion sorgte Thür für Aufsehen, als er im Sommer 2003 die Regierung Bush kritisierte, die Einreisende über Religion, Essenspräferenzen und Kreditkartennummern befragen liess. Die Äusserungen des Datenschutzbeauftragten wurden nicht nur von internationalen Newstickern im Web verbreitet, sie lösten auch Diskussionen in Internetforen aus. «So viel Courage zeigen leider wenige Bürger, erst recht nicht in solchen Positionen. Danke!», schrieb etwa larstalking auf der deutschen Site www.heise.de. Über hundert User meldeten sich zu Wort, auch mit deftigen Beiträgen gegen den «linken, fürstlich entschädigten Bürorebellen».

Keine Krawatte, nie

Vor seiner Berufung nach Bern hatte Thür an der Fachhochschule Baden ein berufsbegleitendes Nachdiplomstudium für Wirtschafts-, Verwaltungs- und Umweltmediation absolviert. Wer ihn nie gesehen hat, kann sich im Internet dank der Bild-Suchfunktion von Google den Datenschützer ansehen. Fotos zeigen ihn bei öffentlichen Anlässen, an Podiumsdiskussionen, bei früheren politischen Auftritten. Er trägt eine Brille, selbst auf den neueren Bildern sticht seine volle Haarpracht noch ins Auge. Thür wirkt vital und stets jünger. Er scheint braungrau karierte Jacketts und Rollkragenpullover zu mögen. Mit Krawatte hingegen ist er nie zu sehen.

Das Internet gibt Thür zu denken. Was darin über ihn herauszufinden sei, «ist detaillierter als die Fiche, die der Staatsschutz in den Achtzigerjahren über mich erstellte». Die staatlichen Schnüffler hätten vermerkt, dass er an der Uni Basel in einer Arbeitsgruppe zur Änderung des Vorlesungsverzeichnisses mitwirkte, Mitglied der demokratischen Juristen war und einer linken Zeitung ein Interview gab. «Heute sind weit umfassendere und heiklere Daten verfügbar.»

Thür ist besorgt darüber, wie breit die Spur ist, die er selbst im Netz hinterlässt. «Es ist deshalb beinahe unmöglich zu verhindern, dass es Missbräuche gibt.» Das Fazit des Schweizer Chef-Datenschützers: Falls er wieder ein Segelboot zu verkaufen habe, werde er es nicht mehr über das Web anbieten. Eines aber kann auch Thür nicht verhindern: Seine Platzierung beim nächs-ten Engadin Skimarathon wird im Internet wieder für alle Welt einsehbar sein.

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FACTS 43/05
27. Oktober 2005
Alexandra Bröhm

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Schatten des Darknet

Ein Ire schafft ein anonymes Netz. Seine Absicht dabei ist hehr - doch sein Projekt ein Alptraum.

Es ist eine besondere Angst, die Ian Clarke umtreibt, die Angst nämlich, dass ihn eine spätere Generation einmal fragt: «Wo warst du, als sie die Pressefreiheit auf dem Internet abgeschafft haben?» Und deshalb arbeitet Ian Clarke, 28, Computergenie und Freenet-Erfinder, an einem grossen Projekt: Er will die freie Meinungsäusserung im Internet sichern.

Für Schlagzeilen sorgte der Ire vor fünf Jahren mit seinem Entwurf des Freenets - einem Computernetz, das anonymen Datenaustausch ermöglicht. Nun arbeitet er an einer noch radikaleren Version: Freenet 2.0 soll im Dezember online gehen, zum ersten globalen Darknet werden und absolute Anonymität bieten.

Dienste, die anonymes Surfen ermöglichen, sind umstritten. Sie versprechen einerseits Schutz vor allerlei Schnüffeleien auf dem Internet, anderseits können sie kriminelle Machenschaften verschleiern. Clarkes neues Projekt geht weiter als alle bisherigen Lösungen: Der Datenaustausch im Darknet läuft nicht nur anonym, sondern es lässt sich nicht einmal mehr nachweisen, dass jemand das Darknet benützt.

Geheimgänge unterm Highway

Wer heute im konventionellen Netz surft, im World Wide Web, der bewegt sich auf einem hell ausgeleuchteten Datenhighway, wo jeder Schritt Spuren hinterlässt. Das Darknet hingegen könnte man als Geheimgangsystem unter dem Datenhighway bezeichnen, das nur Eingeweihte kennen.

Technisch gesehen ist das Darknet ein privates Peer-to-Peer-Netz (P2P) - ein Netzwerk also, in dem die Computer direkt und nicht über Server miteinander verbunden sind. «Anders als bei öffentlichen P2P-Netzen schliesst man sich im Darknet nur mit seinen Freunden zusammen», sagt Clarke. «Deshalb sind sie meist sehr klein und kaum bedeutend.»

Surftouren mit Freunden

Freenet soll das ändern. Clarke und sein Team haben einen Mechanismus entworfen, mit dem Millionen von Computern indirekt miteinander verbunden werden. Sie orientieren sich mathematisch an der Small World Theory, wonach jeder Mensch über sechs Stationen mit einem x-beliebigen Fremden bekannt ist. So entsteht ein durchsuchbares globales Darknet. «Wir stellen an entscheidenden Punkten eine Art Wegweiser auf», sagt Clarke - Leuchttürme, die den Daten in den finsteren Gängen den Weg weisen.

Weil man sich nur mit seinen Freunden direkt verbindet, bleiben die eigenen Aktivitäten für alle anderen im Dunkeln. «Beim bisherigen Freenet konnte man mit einigem technischem Aufwand zumindest nachweisen, dass jemand unseren Dienst benützt», sagt Clarke. «Was in einigen Ländern oder Situationen bereits ein Problem war.»

Seine Mission ist politisch. Clarke, der Kämpfer für das Recht auf freie Meinungsäusserung, will all jenen eine Plattform bieten, die ihre Ideen und Ansichten aus Angst vor Repressalien nicht veröffentlichen können. So wurde das Internet dem chinesischen Journalisten Shi Tao kürzlich zum Verhängnis. Taos chinesische Zeitung bekam eine geheime Regierungsverfügung zugesandt, wie die Medien mit dem 15. Jahrestag des Tiananmen-Massakers umzugehen hätten. Diese Direktive mailte Tao über sein Yahoo-Konto an eine New-Yorker Website. Und der US-Internetgigant Yahoo, der in China das grosse Geschäft wittert, wusste nichts Besseres, als der chinesischen Regierung auf Anfrage Taos Konto offen zu legen. Zwar bekam Yahoo dafür im Westen heftige Schelte, aber Journalist Tao war bereits wegen «illegalem Verschicken von Staatsgeheimnissen» zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Clarkes Freenet ist ein eigenständiges anonymes Netzwerk, aber es gibt auch Lösungen, die bloss Tarnkappen fürs Surfen im konventionellen Internet bereitstellen. Bekanntestes kommerzielles Projekt ist das kalifornische Unternehmen Anonymizer mit über zwei Millionen Kunden. In Zusammenarbeit mit der US-Regierung stellt Anonymizer auch den Menschen im Iran einen besonderen Gratisdienst zur Verfügung, der unbemerktes Surfen ermöglicht.

Rechtsfreier Raum für Kinderpornografie

Trotzdem hat das anonyme Surfen Schattenseiten. Je grösser die gebotene Anonymität, umso grösser die Probleme. Clarkes Freenet wird heftig kritisiert, weil es für Kinderpornografie oder Terrorismus einen rechtsfreien Raum schafft. Freenet ist so designt, dass nicht einmal Clarke selbst kontrollieren kann, was publiziert wird.

Datenverkehr wird nicht aufgezeichnet

Kaum ein Anonymisierungsdienst, ob ein P2P-Netzwerk oder Software wie die von Anonymizer, bietet den Behörden die Möglichkeit, den Datenverkehr im Nachhinein zu untersuchen. Das hat einen schlichten Grund: Der Datenverkehr wird gar nicht aufgezeichnet. Auch JAP, ein Projekt der Uni Dresden, das die Vereinigung der Schweizerischen Datenschutzbeauftragten empfiehlt, lässt der Polizei kaum ein Hintertürchen offen. «Bei uns ist es nur möglich, mit richterlichem Beschluss eine zukunftsgerichtete Überwachung anzuordnen», sagt Projektmitarbeiter Stefan Köpsell.

Totale Anonymität ist ein Alptraum für die Strafbehörden. «Für uns ist zentral, dass wir die Aktivitäten eines Surfers bei einem begründeten Verdacht rekonstruieren können», sagt Guido Balmer vom Bundesamt für Polizei. Es gebe, betont Balmer, jedoch noch andere technische Möglichkeiten, um jemanden trotz Anonymisierung zu entlarven. Welche, das will er aus fahndungstechnischen Gründen nicht verraten.

Anonymizer löst die Sicherheitsfrage etwas eleganter. «Wenn wir von einer illegalen Website beispielsweise mit kinderpornografischen Inhalten erfahren, blockieren wir sie für unsere Kunden», sagt Gründer Lance Cottrell. «Auch für mich ist die freie Meinungsäusserung ein hohes Gut, aber nicht alles ist freie Meinungsäusserung.» Allerdings kümmert sich Anonymizer nicht selbst darum, derartige Seiten zu finden, sondern reagiert auf Tipps von aussen.

«Natürlich ziehen Anonymisierungsdienste schwarze Schafe an», sagt Matthias Nast von der Stiftung für Konsumentenschutz. «Wie viel Sicherheit und wie viel Freiheit wir für das Internet wollen, ist eine der wichtigsten gesellschaftlichen Debatten, die wir führen müssen.»

Ian Clarke hat sich seine Meinung schon gebildet. Für ihn ist die freie Rede das höchste aller Güter. Der Computerspezialist sagt: «Auch wenn ich Freenet abstelle, würde die Kinderpornografie nicht verschwinden.»

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