www.blossgestellt/im_netz.ch
Ein paar simple Tricks reichen, und schon sind Sie und Ihre privaten Daten im Internet aufgespürt. Das wussten Sie nicht? Dann kommen Sie mit auf Spionage im globalen Dorf. Sie werden genauso staunen wie unsere Bundesräte.
Es war, als würden Moritz Leuenberger öffentlich die Hosen ausgezogen. Lärmgeplagte Anrainer des Flughafens Kloten riefen im Internet dazu auf, dem Verkehrsminister doch in seinem Heim an der [Berg]strasse 67 in 8032 Zürich einen Besuch abzustatten. Man sei gezwungen, hiess es, eine private Audienz einzufordern, denn der Bundesrat weiche einer öffentlichen Konfrontation seit Jahren aus. Nun steht die Wohnadresse des Magistraten, bislang ein gut gehütetes Geheimnis, im World Wide Web, gleichermassen einsehbar in New York, Kinshasa oder Hinterkappelen BE. Und nicht nur das: Wer mit ein wenig Geduld sucht, der findet - Google sei Dank - in einem Internetforum auch die private Telefonnummer des SP-Politikers: 044 – 261 [43 56]». Mit der Adresse lassen sich dann auf www.telsearch.ch auch die Mitbewohner Leuenbergers und seine Nachbarschaft eruieren.
Das Internet-Telefonverzeichnis bietet zudem eine Umgebungskarte, die einen grosszügigen Einblick ins Quartier gewährt. Das alles ist ein Kinderspiel; das alles muss der Horror sein für die Sicherheitsbeamten des Bundes.
Nachbarn sind wir alle
Das Internet vergisst nicht. Nicht die Telefonnummer eines Bundesrats, nicht die E-Mail-Adresse eines Online-Shoppers, und, wenn er allzu sorglos ist, auch nicht seinen Kreditkarten-Code. 15 Jahre nach dem Start des Internets sind geschätzte 600 Milliarden Web-Dokumente abrufbar. Eine Milliarde Menschen haben Zugriff auf dieses kolossale Datenkorpus, 55,6 Prozent der Schweizer Bevölkerung (3 180 000 Personen) nutzen regelmässig das Netz. Sie alle hinterlassen Datenspuren, die kaum mehr zu verwischen sind. Das Web fichiert seine User, so dass selbst ein Laie mit ein paar simplen Tricks seinen Nachbarn im Global Village ausspionieren kann. Und die Nachbarn, das sind wir alle.
Moritz Leuenberger hat sein unfreiwilliges Outing im Internet ziemlich verärgert, er drohte mit einer Klage. Doch dazu wird es nicht kommen - obwohl die betreffenden Informationen immer noch online sind. Der Bundesrat muss einen Rückzieher machen, weil für eine Klage «derzeit die juristische Handhabe fehlt», sagt Sicherheitsexperte Stefan Arn, 44, Chef der Zürcher Softwarefirma Adnovum. Arn, der Firmen wie die UBS, Postfinance und auch Bundesstellen in Fragen der Datensicherheit berät, hat Schnüffelopfern wie Moritz Leuenberger nichts Erfreuliches zu sagen: «Ein Betroffener kann nichts machen, wenn andere gegen seinen Willen Daten ins Internet stellen. Das Netz ist ein offenes Tor.»
Calmy-Rey und Deiss sind vorsichtig
Sogar ein sperrangelweit offenes. Das müssen zumindest Leuenbergers Regierungskollegen Christoph Blocher und Pascal Couchepin feststellen. Die Herrliberger Adresse und die Telefonnummer des SVP-Bundesrats ([Haus zum Rosenhorn Wängirain] 53, 044 – 915 [81 61]) sind ebenso im Netz auffindbarwie die privaten Koordinaten des freisinnigen Innenministers (Av. [Gd-St-Bernard] 35, 1920 Martigny, 027-722 [41 26]).
Mag sein, dass Finanzminister Hans-Rudolf Merz schon im Vornherein kapituliert - von ihm gibt es einen aktuellen Telefonbucheintrag. Und Bundespräsident Samuel Schmid ist zwar an seinem Wohnort Rüti BE nicht im Telsearch registriert, doch allzu geheim sind Adresse und Telefonnummer nicht, denn seine Gattin ist dort zu finden. Sorgsam mit ihren Daten gehen Aussenministerin Micheline Calmy-Rey und Wirtschaftsminister Joseph Deiss um: Ihre Heimadressen sind im Internet nicht auf die Schnelle zu recherchieren.
Trotz unentwegter Expertenwarnungen tappt die Mehrzahl der User immer noch in die weltumspannende Datenfalle. Arglos surfen sie mit ungesichertem Rechner in der virtuellen Welt herum, verraten Intimstes, zuweilen Geheimes, laden Spione geradezu ein, in ihrem Privat- und Geschäftsleben herumzuschnüffeln.
Grobfahrlässiger Fussballverhand
Ein schier unglaubliches Beispiel dafür, wie unbedarft selbst Institutionen mit Personendaten umgehen, liefert der Schweizerische Fussballverband. Auf der offiziellen Homepage www.football.ch sind Handynummern, Privatanschlüsse und Wohnadressen beinahe aller wichtigen hiesigen Fussballtrainer und Vereinsfunktionäre aufgeführt. Hat man dort den Fall des Schiedsrichters Urs Meier bereits vergessen? Der erkannte beim WM-Spiel zwischen England und Portugal im letzten Jahr ein Tor der Engländer nicht an. Darauf veröffentlichten britische Skandalblätter Telefonnummer und E-Mail-Adresse von Meier, und er musste ob der Morddrohungen von enttäuschten englischen Fussballfans sogar Polizeischutz anfordern. Die Daten hatte der britische Boulevard von Meiers Homepage. Und die Daten der Trainer und Funktionäre? Einsehbar für jeden, der es schafft, einen Computer anzuwerfen. Wenn ein Verband, der in den Stadien einen Kampf gegen Hooligans kämpft, so etwas tut, muss wohl von grober Fahrlässigkeit gesprochen werden.
Denn wie will man verhindern, dass einem unangenehme Internet-User nicht ganz übel mitspielen? «Ich weiss keine Antwort», sagt Internet-Experte Arn, der auch die Sicherheitssoftware für Christoph Blochers Justiz- und Polizeidepartement entwickelte. «Es gibt kein Rezept.» In der eigenen Firma handelt Arn nach der Devise «Deckel zu»: keine privaten Daten und Mitarbeiterlisten veröffentlichen, die eigene Homepage schützen. «In dieser Hinsicht bin ich superkonservativ», sagt Arn.
Angesichts des möglichen Schadens den nur schon Laien-Hacker anrichten können, mag es einen erheitern, dass einige User im Web bloss einen verschwundenen Busen suchen.
Für Busenfreunde erreichbar
«Hat jemand die (Playboy>-Bilder von Miss Schweiz Fiona Hefti?», fragt ein gewisser «Castro» in einem Internetforum. Er glaube nicht, dass die Bilder zu finden seien, antwortet Chatpartner «Japsenringo»: «Bilder aus dem (Playboy) sind hier verboten.» Anfang November 2004 - Fiona Hefti war wenige Wochen zuvor zur Miss Schweiz gewählt worden - machten Bilder aus der griechischen «Playboy»-Ausgabe die Runde, die etwas Busen der schönsten Schweizerin zeigen. Der «Blick» brachte die Bilder, Hefti musste sich rechtfertigen («Der Wind lupfte meine Bluse»), ihr Management intervenierte. Recht erfolgreich, die Fotos verschwanden und schienen vergessen. Sind sie aber nicht: Die Onlineausgabe von «20 Minuten» etwa, die den betreffenden «Blick»-Artikel abbildete, ist noch zu finden. Zwar tief versteckt in Internet-Archiven, aber erreichbar für etwas hartnäckige Busenfreunde.
Egal ob Brustbild oder Telefonnummer: Was einmal auf dem Web publiziert ist, kann kaum mehr zum Verschwinden gebracht werden. Das gilt umso mehr für Daten, die ein geneigtes Publikum finden: Sie werden ungefiltert und unkontrolliert kopiert und weiter verbreitet. In vielen Fällen sind die Quellen nicht ersichtlich, stattdessen entsteht ein Gemenge von Bildern, Fakten und auch Fälschungen. Wissenschaftliche Studien, Informationen von Behörden, politische, religiöse und ideologische Programme, Meinungen und Gerüchte - alles vermischt sich mit allem oder ist bloss noch durch einen einzigen Mausklick voneinander getrennt. Selbst ein Fachmann wie Arn gerät immer wieder ins Staunen: «Es ist unglaublich, auf was man im Internet alles stösst.» Für ihn gilt: Vertrauen ist im Web ungut, Kontrolle zwingend.
Aber solange nur wenige User dieses Motto beherzigen, eröffnet das Netz weiterhin tiefe Blicke auch in die Intimsphäre von Menschen, die sich eigentlich sehr bedeckt geben.
Beispiel Pascal Zuberbühler, Goalie der Fussballnationalmannschaft. Vor kurzem berief sich Zuberbühler auf das Recht an seiner Privatsphäre gegenüber den heftigen Angriffen des «Blicks» - im Internet allerdings stellt er sich selbst ins Schaufenster. Mit ein wenig Surfaufwand sind auf Google schöne Bilder vom Torwart zu finden: Zubi bewohnt mit seiner Ehefrau Beatriz ein schmuckes Einfamilienhaus mitten in den Rebbergen von Muttenz BL unweit von seiner Arbeitsstätte Sankt-Jakob-Stadion. Zu sehen sind Gattin Beatriz im Bild, Zubi im Rebberg oder auch Zubi in seinem Lieblingsrestaurant.
Auch die Ehefrau wird Allgemeingut
Und wie heisst eigentlich die Frau von Roche-Chef Franz Humer? Kein Problem: Majo [Fruithof] Sie betreibt in Zürich ein Goldschmiede-Atelier, Geschäftsadressen [In Gassen] 9 unmittelbar neben dem Paradeplatz. Wegen seiner Liebe zu [Fruithof] will der gebürtige Österreicher Humer seinen Wohnsitz von Riehen BL nach Zollikon an die Zürcher Goldküste verlegt haben; der Steuerfuss Zollikons beträgt 72 Prozent, die steuergünstigste Gemeinde des Kantons Zürich. Der Umzug brachte den Roche-Chef in die Schlagzeilen. Sonderbar ist allein schon, dass es die Schweizerische Depeschenagentur für nötig befand, in ihrem Newsticker den Namen von Humers Lebenspartnerin zu veröffentlichen. Im Internet-Zeitalter können solche Entscheide fatal sein: Eine Meldung verbreitet sich, ohne dass irgendjemand darüber nachdenkt, ob sie allenfalls jemandem schadet, ob sie die Intimsphäre eines Menschen verletzt.
Anonym bleibt meistens nur die Quelle, die Betroffenen werden nicht gefragt, ob ihnen die Veröffentlichung privater Informationen im Internet genehm ist. Sie müssen von Gesetzes wegen nicht einmal einwilligen - solange es nicht um offensichtliche Missbräuche im Kontext von Pornografie oder Gewalt geht, gibt es keine wirksamen gesetzlichen Mittel.
Eine ganze Siedlung im Zwielicht
Selbst wenn bloss aus Gedankenlosigkeit sensible Daten ins Netz gestellt werden, die Folgen können fatal sein. Etwa wenn auf einschlägigen Websites publiziert wird, die umstrittene Sterbehilfeorganisation Dignitas begleite suizidwillige Patienten an der Gertrudstrasse [84] in Zürich in den Tod. In diesem Fall gerät ein ganzer Wohnblock mit acht im Telefonverzeichnis eingetragenen Mietern in den Fokus der Dignitas-Gegner und auch ins Zwielicht.
Die Menge an digital gespeicherten und einfach abzurufenden Daten wächst und wächst. Immer mehr Websites fordern für die kleinsten Dienstleistungen oder manchmal nur fürs Lesen eine persönliche Registrierung. Die Seitenbetreiber sammeln die Angaben, um mit den daraus erstellten Userprofilen Werbekunden anzulocken. Und die meisten Websites platzieren kleine Programme - so genannte Cookies - auf dem heimischen Rechner, die das Surfverhalten ausspionieren. Ob ein User rosagrün karierte Socken bestellt, einen Ratgeber für Alkoholkranke oder einen Porno - jeder, der will, kann mitlesen.
Fachleute entwerfen unschöne Szenarien, zum Beispiel: Wer eine Lebensversicherung abschliessen möchte und kurz zuvor zur HIV-Infektion eines Freundes online recherchiert hat, bekommt in Zukunft vielleicht nur noch ein sehr ungünstiges Angebot von den Versicherern unterbreitet.
Zwar ist es möglich, mittels Spezialprogrammen, Anonymizer genannt, unter einer nicht identifizierbaren IP-Adresse zu surfen. Aber nur eine Minderheit der Internetbenutzer tut dies. Solange Web-Dummies gedankenlos die eigene Handynummer ins Netz tippen, hilft auch keine noch so raffinierte Sicherheitssoftware.
Einstweilen hegen die Schweizer Datenschützer einen frommen Wunsch: «Es sollte möglich sein, sich auf dem Internet anonym zu bewegen. Kaufe ich beispielsweise in einem Laden eine CD, muss ich auch keine Identitätskarte zeigen», sagt Kosmas Tsiraktsopulos, Sprecher des eidgenössischen Datenschutzbeauftragten. Die Schweizerische Stiftung für Konsumentenschutz empfiehlt realitätsnaher, sich für das Internet-Shopping mit einem Wegwerfmailkonto auszurüsten.
Womöglich vermag es den einen oder anderen zu trösten, dass auch sehr unangenehme Surfer zuweilen dümmer sind, als es das Netz erlaubt. So im folgenden Fall: Tausende Männer bestellten kürzlich Kinderpornografie. Die Verkäufer lieferten prompt. Pech für die Käufer, darunter auch Schweizer, war, dass die Kundendaten ungesichert auf den Kinderporno-Servern liegen blieben. Mit Namen, Adresse, Telefon- und Kreditkartennummer. Frei zugänglich. Auch für die Polizei. |