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FACTS 44/2005
03. November 2005
Ruth Brüderlin und Herbert Lanz

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Verrat am Vaterland

Mit der hitzigen Politdebatte um das Sorgerecht nach Scheidungen fällt die Schweiz in einen dumpfen Geschlechterkampf zurück. Verlierer sind absurderweise gerade jene Väter, die sich um Hausarbeit und Kinder kümmern.

Eine Sasha-Puppe sitzt auf dem Küchenboden, daneben steht eine hölzerne Spielküche mit weissblauen Emailletöpfchen. Zielstrebig greift sich die kleine Nuria eines davon und hilft ihrem Vater Salat rüsten: «... drei, vier, fümpf», zählt das Kind die Rucola-Blätter ab, um sie dann in ihr Töpfchen zu legen. «Nuria, schau», sagt Valentin Schiess, 40, «hier musst du die braunen Teile am Stiel abzupfen.» Er tut das mit der Gelassenheit des geübten Teilzeitvaters.

Valentin Schiess, 40, und Monika Esslinger, 36, teilen sich die Betreuung ihrer knapp dreijährigen Tochter hälftig. Er ist Weinbauer im Baselbiet. Sie, gelernte Kindergärtnerin, hat ein 60-Prozent-Pensum im Direktionssekretariat einer kirchlichen Non-Profit-Organisation und bildet sich an einem Tag pro Woche zur Musiktherapeutin weiter. Das Elternpaar teilt sich nicht nur die Obhut, sondern auch ganz selbstverständlich das Sorgerecht für Nuria - obwohl Valentin und Monika nie verheiratet waren und längst kein Liebespaar mehr sind. Zwar stritten und zankten sich die beiden bei der Trennung, etwa um Betreuungszeiten und die Höhe der Alimente; mit Hilfe einer Mediatorin konnten sie diese Konflikte lösen. Eines aber war für das EIternpaar auch in den schwierigsten Zeiten klar: dass sie gemeinsam die Sorge um Töchterchen Nuria tragen und auch die Obhut teilen.

Die Front der linken Frauen

Die Partnerschaftlichkeit über die grosse Liebe hinaus bewährt sich. Monika Esslinger sagt: «In Erziehungsfragen ziehen wir am gleichen Strick, auch wenn jeder von uns sie im Alltag ein wenig anders umsetzt. Valentin ist auch nach der Trennung ein wunderbarer Vater.»

Es geht also doch. Wer in der Herbstsession die Debatte des Nationalrates um die Einführung des gemeinsamen Sorgerechts als Regel mitverfolgte, dem muss das faire Arrangement des Paars Schiess-Esslinger als ein Wunder erscheinen. Denn der Nationalrat lieferte sich wegen des CVP-Postulats einen ideologischen Schlagabtausch, der an die Zeiten des kältesten Geschlechterkriegs erinnert. Der Vorstoss fordert, dass nach einer Trennung beide Elternteile automatisch gesetzliche Vertreter ihrer Kinder bleiben.

Linke Politikerinnen wie die Zürcher SP-Nationalrätinnen Jacqueline Fehr und Anita Thanei stellen sich mit Vehemenz gegen die neue Regelung. Sie zeichneten im Parlament ein Vater- und Männerbild, das den Mann vor allem als Täter und die Frau als sein Opfer sieht. Jacqueline Fehr wusste von Müttern zu berichten, «die erlebt haben, wie sich die Väter über Jahre aus der Verantwortung geschlichen haben», Von Müttern, «die Gewalt und Erniedrigung erlebten, Angst um ihre Kinder hatten, die nach Jahren des Wartens, des Erduldens und Verzeihens genug hatten. Und all diese Mütter», so Fehr weiter, «werden vor Gericht alles daransetzen, auch in Zukunft das alleinige Sorgerecht zu erhalten.»

Selbstverständlich gibt es schlechte Väter, schlechte Ehegatten. Aber die SP-Politikerin kennt offenbar zu wenige Männer wie Valentin Schiess. Realität ist, dass die alten Geschlechtsrollenmuster zu Gunsten neuer Formen des partnerschaftlichen Zusammenlebens weichen. Und dass Väter sich nicht auf die Rolle eines Familienernährers reduzieren lassen wollen. Dass sie vielmehr versuchen, sich aktiv an der Betreuung und Erziehung der Kinder zu beteiligen. Dies hielt Mitte Jahr nicht irgendeine männerbewegte Wollsocken-Fraktion fest, sondern der Verband Pro Familia.

Es gibt sie, die neuen Väter. Eine im Februar 2005 publizierte Univox-Studie belegt den Wandel: Zwei Drittel der Befragten unter 64 Jahren unterstützen das partnerschaftliche Familienmodell (beide Partner sind erwerbstätig, beide teilen sich Hausarbeit und Kinderbetreuung). Noch zehn Jahre zuvor war bloss die Hälfte der Befragten dieser Meinung.

Zugegeben, Männer, die ihren Anteil an Haushalts- und Erziehungsarbeit mehr als nur am Feierabend wahrnehmen, sind noch in der Minderheit. Und einige machen in Zeiten der «political correctness» zwar Lippenbekenntnisse, aber keine Hausarbeit. Bloss: Soll man mit dieser Argumentation gerade die neuen Väter bestrafen, die ihre Verantwortung wahrnehmen und zupacken? Und die dies auch im Falle einer Trennung tun wollen?

Auch Monika Esslinger hätte Grund genug gehabt, ihrem Ex-Partner Valentin Schiess nicht mehr als das im Gesetz vorgesehene zweiwöchentliche Besuchsrecht zuzugestehen. Immerhin hatte er sie kurz nach der Geburt verlassen. Nach fünfjähriger Beziehung. «Ausgerechnet zu einer Zeit, in der ich viel Zuwendung brauchte.»

Zwar gibt eine Mutter mit dem geteilten Sorgerecht auch einen Teil ihrer Macht ab, aber auch eine Last. «Da Valentin seine Verantwortung wahrnimmt», sagt Monika Esslinger, «habe ich sehr viel Eigenständigkeit für mich zurückgewonnen.» Ist das Kind beim Vater, weiss sie es in guten Händen, kann sie sich ganz auf ihren Beruf konzentrieren - oder ihre Freizeit. «Ich geniesse das», sagt Esslinger.

Erbitterter Kampf mit Zahlen

Das Scheidungsrecht bevorzugt in der Kinderfrage klar die Frauen. 2004 wurden 8926 Kinder der Mutter zugesprochen, lediglich bei 3998 Kindern kam das gemeinsame Sorgerecht zum Zug. Der Streit um die gemeinsame Sorge als Regel zeigt, wie auch heute noch ideologischer Ballast eine sachorientierte Lösung behindert. Dabei sind es nicht nur die Gegnerinnen des geteilten Sorgerechtes, die mit Klischees Stimmung machen wollen. Auch unter den Befürwortern gibt es Politiker, die ein nicht weniger realitätsfernes Männerbild ins Feld führen: der Mann als armer Schlucker, der von der Frau zum «Zahlvater» degradiert wird. Der grüne Nationalrat Daniel Vischer konstatiert angesichts der emotional aufgeheizten Politdebatte «Da sind auf beiden Seiten Kampfmaschinen am Werk.»

Die Befürworter der gemeinsamen Sorge berufen sich auf eine Studie des Nürnberger Hochschulprofessors Roland Proksch; in Deutschland ist die gemeinsame Sorge seit längerem die Regel. Fazit der Untersuchung: Väter mit gemeinsamem Sorgerecht zahlen die Alimente pünktlicher, halten die Besuchszeiten korrekter ein und verhalten sich ganz allgemein kooperativer. Das bedeutet: Wenn die Eltern sich von Gesetzes wegen einigen müssen, können sie es auch.

Allerdings streiten sich die Fachleute immer wieder über die Aussagekraft solcher Forschung. Proksch beispielsweise wird von der ebenso renommierten deutschen Wissenschaftlerin Kerima Kostka vorgeworfen, methodische Fehler begangen zu haben. Der Jurist Linus Cantieni, wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Nationalfondsprojekts, das die aktuelle Schweizer Scheidungspraxis und den Alltag von Scheidungsfamilien untersucht, sagt: «Kostka kann Proksch nachweisen, dass er Schlüsse zieht, die empirisch nicht nachgewiesen sind.»

Wenn schon die Experten sich gegenseitig mit Misstrauen begegnen, was ist dann von Politikern zu erwarten? «Die Hälfte der Väter haben zwei Jahre nach der Scheidung keinerlei Kontakt mehr zu den Kindern», behauptet etwa SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr. Kein Wort verliert sie jedoch über die möglichen Gründe oder über Zahlen, wie viele Mütter kategorisch das Besuchsrecht der Kinder beim Vater torpedieren und hintertreiben. Fehr verliert ebenso kein Wort darüber, dass andere Studien zu ganz anderen Schlüssen kommen: etwa die Forsa-Studie im Auftrag des deutschen Bundesfamilienministeriums von 2002. Sie eruiert eine «Rabenväter-Quote» von «nur» 25 Prozent. Das heisst: Drei von vier Scheidungsvätern bemühen sich um einen regelmässigen Kontakt zu ihren Kindern.

Die neuen Väter: Einer, der aufs Ganze ging und den radikalen Rollenwechsel vollzog, ist Thomas Stüssi, 39. Seit rund vier Jahren ist der Dübendorfer Hausmann. Damit teilt er bewusst Schicksal und Alltag von rund 15 000 Hausmännern hier zu Lande, wie aus einer soeben publizierten Studie des Bundesamts für Statistik hervorgeht. Seit Stüssi zu Hause wäscht, putzt und kocht, unterrichtet seine Frau wieder Sekundarschüler, Zuvor war sie «Nur-Hausfrau» - er arbeitete auswärts. Hauptmotiv für seinen Wechsel an den heimischen Herd: «Ich wollte endlich richtig Vater sein.»

«Hey, wann arbeitest du wieder?»

Es gab ein Schlüsselerlebnis für den gelernten Mechaniker, der zuletzt als Jugendarbeiter tätig war: Als seine heute neunjährige Tochter Selina als kleines Mädchen einmal hinfiel und sich wehtat, rannte sie an ihm, der gleich neben ihr stand, vorbei. Sie kroch in die Arme seiner Frau, von ihr wollte die Kleine getröstet werden. «Das traf mich», sagt Stüssi, während er in der Küche das Mittagessen für seine Tochter zubereitet, Apfel-Risotto mit Schinken. Heute mache sein Kind keinen Unterschied mehr, ob Mami oder Papi. Vermisst er etwas aus seinem früheren Erwerbsleben? Stüssi denkt lange nach. «Nein, nichts.»

Von Kollegen hört er ab und zu: «Hey, wann arbeitest du wieder?» Er nimmts gelassen. Denn er weiss: Er arbeitet. Obwohl er sich anfänglich davor fürchtete, hat ihn kein Hausmänner-Koller gepackt. Und der Karriereknick? Stüssi winkt ab: «Die zufriedenen Gesichter zu Hause, das Lachen meiner Tochter, hautnah dabei zu sein und zu sehen, wie sie aufwächst und sich entwickelt - das alles ist mir viel mehr wert.»

Glückliche Männer am Herd

Die Debatte um das Sorgerecht ist Stüssi «sauer aufgestossen». Er hat seine eigene Theorie: «Ich glaube, Fehrs bösartige Männer waren wohl auch nicht alle von Anfang an bösartig. Viel eher ist ihr Verhalten Teil eines komplexen Systems.» Zuweilen sind es sogar die Frauen, denen es bange wird angesichts eines glücklichen Mannes am Herd. Als er einer Bekannten erzählte, er sei Hausmann und erst noch happy, meinte die: «Schwärm mir bloss nicht zu sehr vor meinem Mann davon. Sonst will der auch noch Hausmann werden.»

Stüssi will irgendwann wieder einer Erwerbsarbeit nachgehen. Aber dann werden er und seine Frau auf Teilzeit setzen und Haus- und Erziehungsarbeit möglichst fair aufteilen.

Das ist kein leichtes Unterfangen. Aber machbar. Die Fachstelle «Und» setzt sich seit Jahren für die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit ein - für Frauen und Männer. Während berufstätige Mütter heute eine Selbstverständlichkeit sind - in der Schweiz gehen 80 Prozent einer Erwerbsarbeit nach -, tun sich die Herren noch etwas schwer mit ihrem - auch nicht mehr so neuen - Selbstverständnis. «Die Rolle der Männer hat sich zwar gewandelt», sagt Thomas Huber, Leiter der «Und»-Fachstelle Basel, «die Verunsicherung aber ist geblieben.» Männer glaubten oft, alles im Griff haben zu müssen - sei es als traditionelle, aber auch als so genannte neue Väter.

Manchmal hilft allein schon reden. Seit einem Jahrtreffen sich sechs Männer des Typus moderner Vater einmal im Monat in einem Basler Quartierzentrum. Dann reden sie über die Familie, den Beruf, ihre Kinder - und darüber, wie Mann das alles unter eine schnittige Dächlikappe bringt. Einige sind geschieden, andere arbeiten Teilzeit. Die Herrenrunde könnte unterschiedlicher nicht sein. Aber alle haben sie Kinder, an deren Erziehung, an deren Leben sie teilhaben wollen.

Panik vor Geschirrbergen

Einer davon ist Patrick Eichenlaub, 35. Der Projektleiter bei einer Investitionsgüterfirma definiert sein Pensum als «Teilzeit light». Dienstags und donnerstags kümmert er sich am Morgen um den Haushalt und kocht das Mittagessen für die beiden vier- und siebenjährigen Kinder sowie seine Frau Daniela, 36, die dann zu Hause die Nachmittagsschicht übernimmt. Die beginnt in der Regel mit dem Abwasch der vom Gatten ausgiebig genutzten Pfannen. «Ich lege viel Wert auf gutes Kochen», meint er. «Er bemüht sich redlich», gesteht sie ihm zu, «aber natürlich würde ich es anders machen und schon während des Kochens abwaschen.» Die unterschiedlichen Arbeitsweisen und Prioritäten des Partners müsse man akzeptieren, sagen die Eichenlaubs, sonst funktioniere es nicht.

Immerhin musste Daniela Eichenlaub ihren Mann nicht lange zur Arbeitsteilung überreden, obwohl deswegen vermutlich seine Karriere litt. «Das war mir von Anfang an bewusst», sagt Eichenlaub. Mehr ärgert ihn, dass er als männlicher Pionier in Sachen Teilzeitarbeit auch Vorreiter für andere war, die ihren Gewinn an Freizeit nicht in die Familie investieren, sondern zur Pflege ihrer Hobbys. «Es kann mir eigentlich egal sein, was andere machen», sagt er, «aber mir ist halt die Familie das Wichtigste.» Und Patrick Eichenlaub hat ja seine «Väterkränzchen», bei denen es um andere Themen gehe als Sex und Militär. Neue Väter tratschen gern.

Eine kostspielige Fairness

Der Typus des Familienmannes tauchte zuerst im linken, alternativen Milieu auf. Heute ist es auch und vor allem die gut situierte Mittelstandsfamilie, die sich Arbeit und Familienbetreuung teilt. Thomas Huber, Basler Leiter der Fachstelle «Und»: «Es ist die gleiche Entwicklung, die Anfang letztes Jahrhundert stattfand. Erst konnten es sich nur die Begüterten leisten, dass die Ehefrau zu Hause blieb. Es war ein Statussymbol, dem die Arbeiterklasse nacheiferte.» Heute ist es gerade umgekehrt: Die Begüterten leisten es sich, dass Mann und Frau zu Hause präsent sind, also Zeit mit den Kindern verbringen können.

Doch zunehmend verlangen auch Handwerker und Arbeiter ein Recht auf Familienanschluss und wollen Teilzeit arbeiten. Oft nicht zur Freude der Ehefrau, die als Hausfrau und Mutter ungleich mehr Gestaltungsfreiraum ihres Alltags hat als etwa in einem dienenden Beruf wie Coiffeuse oder Sekretärin.

Karriere trotz reduziertem Pensum

Aber genauso, wie Männer sich nur um Kinder und Familie kümmern können, wenn die Frau es zulässt, können Frauen nur erwerbstätig sein, wenn der Mann zu Hause hilft. Und zwar richtig. «Männer engagieren sich durchaus in der Kinderbetreuung, aber sie vergessen oft den Haushalt», sagt Thomas Huber. «Dabei gehört das genauso selbstverständlich zur Familienarbeit. Es kann nicht sein, dass Mütter verstärkt erwerbstätig sind und dann auch noch die ganze Last der Hausarbeit tragen müssen.»

Laut einer Studie des eidgenössischen Büros für Gleichstellung aus dem Jahr 2002 leisten Frauen durchschnittlich 34 Stunden in der Woche Haus- und Familienarbeit. Männer rund die Hälfte, nämlich 18 Stunden. Diese Zahl steigt allerdings an, wenn das Paar im Konkubinat lebt. Dasselbe gilt für unverheiratete Väter. Mit Heirat und steigender Kinderzahl geht dieses Engagement deutlich zurück. Bei drei Kindern wendet er ganze 39 Prozent der Zeit auf, die die Mutter investiert. In den meisten Fällen wohl, weil die Frauen eher zu Hause bleiben, je mehr Kinder da sind.

Aber ist ein guter Vater nur einer, der Teilzeit arbeitet? Ist es gerecht, einem Vater, der den Lebensunterhalt für die ganze Familie verdient, bei einer Scheidung das Sorgerecht mit der Begründung zu verweigern, er habe zu viel gearbeitet? «Auf keinen Fall», ist Bernhard Hasler vom Verein verantwortungsvoll erziehender Väter und Mütter VeV überzeugt. «Ein Mann, der sich nur am Abend und an den Wochenenden um die Kinder kümmern kann, ist deswegen noch kein schlechterer Vater.» Teilzeitstellen könnten sich ohnehin nur Väter mit gutem Einkommen leisten, sagt Hasler. «Es ist eher so, dass oft auch die Frauen arbeiten müssen, damit die Familie über die Runden kommt - und deswegen heisst es ja auch nicht, sie seien die schlechteren Mütter.» Tatsächlich geniessen heute berufstätige Mütter eine gesellschaftliche Akzeptanz, um die Teilzeit arbeitende Väter noch ringen müssen. Wenn ein Mann allerdings mit genügend Nachdruck und guten Argumenten beim Arbeitgeber anklopft, bieten heute erstaunlich viele Firmen durchaus Hand zu einer Karriere trotz reduziertem Pensum.

Ihr Kinderlein kommet

Vor vier Jahren berichtete FACTS in einer Titelgeschichte (49/2001) über Väter, die Teilzeit in Kaderpositionen arbeiten - bei Verlagen, Banken, Versicherungsunternehmen, Chemiefirmen oder als Selbstständige. Eine Rückfrage bei den betreffenden Vätern zeigt: Alle haben die einmal gewählte Aufteilungsform von Arbeit und Betreuung mehr oder weniger unverändert beibehalten. Gestiegen ist nicht das Arbeitspensum, sondern die Anzahl der Sprösslinge - in zwei Familien sind insgesamt drei Babys dazugekommen. Kümmern sich Papi und Mami gemeinsam um die Kinder und machen trotz Teilzeitarbeit Karriere, klappts offenbar auch mit der Steigerung der Schweizer Geburtenrate. Das sollte Politik und Wirtschaft zu denken geben.

Die Bundesratsfrage

Trotz der barschen und gehässigen Opposition ist das CVP-Postulat über die gemeinsame Sorge als Regelfall mit grosser Mehrheit überwiesen worden. Der Bundesrat muss das Anliegen nun prüfen, was bis zu zwei Jahre dauern kann. Eine gewichtige Rolle in der Beurteilung wird einem Nationalfondsprojekt über die Schweizer Scheidungsrealität zukommen; mit ersten Ergebnissen ist im Frühling 2006 zu rechnen. «Nächstes Jahr werden wir erstmals umfassende Daten für die Schweiz erhalten», sagt Projekt-Mitarbeiter Linus Cantieni. Erst dann werde es möglich sein, «eine vernünftige und vor allem sachlich geführte Diskussion über allfällige Reformen zu führen».

Sollte die geteilte Sorge als Regel tatsächlich beschlossen werden, wäre dies auch ganz im Sinn eines prominenten Schweizer Anwaltspaares, von Franz Steinegger, 62, und seiner Frau Ruth Wipfli Steinegger, 48. «Die geteilte Sorge ist ein probates Mittel gegen die immer wieder stattfindenden Machtkämpfe zwischen den Eltern», sagt Wipfli Steinegger; als Scheidungsanwältin vertritt sie Frauen wie Männer. Der Gesetzgeber müsse alles daran setzen, dass die Auseinandersetzungen nicht auf dem Buckel der Kinder ausgetragen würden. «Ich kenne Väter, die ihre Kinder jahrelang nicht mehr sehen durften. Diese Väter sind am Boden. Die glauben nicht mehr an den Rechtsstaat.»

Ihren Gatten, den ehemaligen FDP-Parteipräsidenten, nennt die Juristin einen modernen Vater. «Franz ist enorm gern Papa», sagt sie. «Er ist sogar der grössere Kindernarr als ich.» Die beiden führen in Altdorf UR gemeinsam eine Anwaltskanzlei. Freizeit ist knapp - «doch mein Mann setzt ganz bewusst einen Tag pro Woche für unseren Sohn Benjamin ein. Das war selbst während den stressigen Expo-Zeiten der Fall», sagt Wipfli. Und fügt ohne einen Anklang eines Vorwurfs - an: «Für mich allein würde er das sicher nicht machen.»

Ex-Politiker Steinegger will zwar nicht aufs Podest der neuen Väter gehoben werden: «Socken stopfen und waschen, das tue ich dann nicht», sagt er trocken. «Aber wenn meine Frau weg ist, schaue ich schon, dass Benjamin und ich verpflegt sind.» Sein zwölfjähriger Sohn ergänzt: «Das geht auch mal mit Büchsen.»

Doch das Wort des gemeinsamen Kindes - Steinegger hat noch einen 29-jährigen Sohn aus erster Ehe - zählt bei Franz Steinegger. Als er 2003 vor der Entscheidung stand, für den Bundesrat zu kandidieren, hatte er das «letzte, bedeutungsvolle» Gespräch mit Benjamin. «Ein mögliches Veto von ihm hätte Gewicht gehabt», sagt Steinegger, «aber er sagte ganz schnell: (Machs ... )»

Franz Steinegger will in seiner Freizeit vor allem mit Benjamin zusammen sein. «Das hat für ihn Priorität», sagt Wipfli. Konkret heisst das: gemeinsam Bergtouren unternehmen, gemeinsam klettern, gemeinsam Ski fahren. Sage sie ihrem Mann einmal: «Komm, lass uns eine Woche in die Ferien verreisen, nur du und ich», sage er meist: «Gut, aber Benjamin kommt mit, oder?» Auch Ruth Wipfli erkennt einen allgemeinen Mentalitätswandel. «Die Generation unserer Väter war ganz anders. Freizeit hiess früher für Männer: Schützenverein, Turnverein, Jassen. Ohne Kinder, selbstverständlich» Steineggers wissen, dass sie als Anwälte zu den Privilegierten gehören. Sie leisten sich eine 50-Prozent-Haushalthilfe. «Den Rest der Haushaltarbeit und die Kinderbetreuung teilen wir uns», sagt Wipfli.

«Katastrophen-Franz» erlebt wieder einmal eine hektische Phase. Als Suva-Verwaltungsratspräsident steht er wegen der Immobilienaffäre unter Druck. «Doch meine Familie lässt sich dadurch nicht belasten. Wir sind turbulente Zeiten gewohnt.» Indes, die Geschichte absorbiere ihn zeitlich enorm. «Ich bin arbeitsmässig fast ausschliesslich damit beschäftigt.»

Über die Gründe der feministischen Totalopposition gegen die geteilte Sorge als Regelfall können die beiden Anwälte nur mutmassen. «Es entspricht keiner Vernunft, einerseits den engagierten Vater zu propagieren, der im Haushalt und bei der Kinderbetreuung genau gleich mitwirken soll, um ihm dann anderseits ein Mitspracherecht zu verwehren», sagt Wipfli. Und ihr Gatte vermutet ein «verabsolutiertes Selbstbestimmungsrecht».

Eine Spätfolge vielleicht des Slogans: «Mein Bauch gehört mir.»

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FACTS 44/2005
03. November 2005
Christiane Binder

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Papperlapaps

Der moderne Vater wechselt nicht nur Windeln, nein, er liest auch viel. Eine Rezension der neusten Papi-Ratgeber.

Im Spital eine Schachtel Marlboro geraucht, der von ihm zur Mutter Gemachten Blümchen in die schlaffe Hand gedrückt, und ab gings in die Kneipe: Noch vor 30 Jahren war Vater werden gar nicht schwer.

Der moderne «aktive» Vater hingegen ist über die Beschaffenheit des Wochenflusses besser informiert als über die seines Feierabendbiers, und die Windeln des neuen Erdenbürgers wechselt er schneller als die Zündkerzen seiner Enduro. Angelesen hat er sich diese Fertigkeiten im zeitgenössischen «Papa-Buch». Das ist eine Art Gynäkologie-und-Pampers-GPS für den emanzipierten Kindermacher zwischen 30 und 40, der als Angehöriger der Nach-Softie-Generation weder Sozialpädagogenstrick trägt noch sich reflexhaft geniert, weil er ein richtiger Kerl sein will.

Dieses kernig von Mann zu Mann verfasste Schrifttum trägt aufmunternde Titel wie «Du wirst Papa!», «Mensch, Papa!» oder «Sie bekommt ein Baby, und ich die Krise»; was angesichts des Sujets auch ratsam erscheint: Von der glückhaft erlebten Initialzuckung bis zum Hilflosigkeitsanfall, weil der Schreihals keinen Aus-Knopf hat, ist der reproduzierende Mann hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Wahnsinn. Die wenigsten seiner seelischen Wehen sind so harmlos wie das Problem, welche Kleidung das Baby braucht. Es darf gern auch was Gebrauchtes sein, rät das «Papa-Handbuch». Der Umgang mit der Mutter in spe ist schon diffizilen Darf er, während sie mit dickem Bauch daheim fernsieht, mit den Kumpels saufen? Durchaus, beruhigt der Vater und Fernsehproduzent Frank Mungeam («Du wirst Papa!»), allerdings gilt es, artig das Terrain zu sondieren.

Bei der Lektüre tankt der Gebeutelte Trost: Endlich mal nicht hingestellt werden wie der haus- und gefühlswirtschaftliche Volltrottel vom Dienst! Es sei «klar erkennbar», dass der Vater im Papa-Buch «ernst genommen wird», beschreibt Christian Meyn-Schwarze, 52, den Trend. Der Vater von zwei Töchtern und «Rollentauschmann» hat in seiner «Papa-Liste» (www.papaliste.de, Stichwort Literatur) 250 rezensierte Titel zusammengetragen. Die breit gefächerte Auswahl für den schwangeren Mann, werdenden Vater oder fertigen Papa inklusive Witwer, Schwuler und Grossvater - umfasst auch papafreundliche Bilder- und Kinderbücher.

Klingt nach Erbauung der üblichen Verdächtigen: progressiven Pädagogen, Psychologen, familienbewegten Gebildeten. Ist es auch: Tatsächlich verschwinden Papa-Bücher, obwohl meist von erstaunlicher Qualität, oft schon nach zwei, drei Jahren vom Markt: Das männliche Massenpublikum hat vor Buchläden noch mehr Bammel als vor dem Kreisssaal.

Eine Ausnahme bilden die lustigen Papa-Beichten, in den Neunzigerjahren in Mode gekommen. Verfasst von Journalisten, die den humorvollen Sound peinlichkeitsfrei draufhaben, sind viele dieser belletristisch aufgearbeiteten Tagebücher Dauerbrenner. «Der kleine Erziehungsberater» (1992) des Kolumnisten der «Süddeutschen», Axel Hacke, über den Irrwitz, eine vorlaute Brut grosszukriegen, ist einer der bestverkauften Aufzuchthelfer. Auch die Geschichten über das Werden und Wachsen der Nervensägen Henri und Hannes von Kester Schlenz («Mensch, Papa!») laufen teils in der 20. Auflage. Wenn der «Brigitte»-Autor plastisch ausmalt, wie sich der verstörte Y-Chromosomenträger allein unter Frauen im Geburtsvorbereitungskurs schämt, schreibt er seinen Geschlechtsgenossen aus dem Herzen.

Übrigens: Die Frage aller Fragen - werde ich bei der Geburt ohnmächtig? -beantwortet die Papa-Literatur einhellig mit Nein. Wirds ihm mulmig, soll er halt die Augen schliessen.

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FACTS 44/2005
03. November 2005
Christiane Binder

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Sie hat die Sorge er darf zahlen»

Reto Wehrli, CVP, fordert das gemeinsame Sorgerecht für Kinder als Regelfall, Anita Thanei, SP, will nichts davon wissen. Diskriminierung, sagt der Mann. Unsinn, die Frau. Kampf, postuliert Thanei. Das ist Krieg via Kind, kontert Wehrli.

FACTS: Herr Wehrli, welche Eigenschaften zeichnen eine gute Mutter aus?

Reto Wehrli: Nun, sie hat gerne Kinder, viel Fantasie und Geduld.

FACTS: Und wann ist ein Mann ein guter Vater, Frau Thanei?

Anita Thanei: Er muss zuverlässig, verständnisvoll, liebevoll und verantwortungsbewusst sein.

FACTS: Herr Wehrli, sind Sie nach dieser Definition ein guter Vater?

Wehrli: Von mir aus Ja. Wie das bei meinem Junior ankommt, müssen wir in ein paar Jahren diskutieren.

FACTS: Frau Thanei, welche Kriterien müsste ein Vater erfüllen, damit Sie ihm die gemeinsame Sorge zugestehen?

Thanei: Wenn er und seine Partnerin sich von allem Anfang an gemeinsam um die Betreuung der Kinder kümmern und beide Verantwortung übernehmen. Und wenn das Elternpaar miteinander sprechen kann, also keine vormundschaftlichen Massnahmen notwendig sind.

Wehrli: Frau Thanei verlangt einen Idealzustand, damit der Vater als Belohnung auch gesetzlich die gleichen Rechte wie die Mutter erhält; das steht im Widerspruch zu anderen Gleichberechtigungsdiskursen. Es braucht meiner Meinung nach nicht a priori spezielle Voraussetzungen für die gemeinsame elterliche Sorge. Es reicht, dass man Vater und Mutter ist. Und hat man die gemeinsame Sorge von Gesetzes wegen, ergeben sich die entsprechenden Rechte und Pflichten.

Thanei: Dass ich gegen Ihr Postulat bin, hat nichts mit Diskriminierung der Männer zu tun. Das heutige Scheidungsrecht knüpft die gemeinsame Sorge an gewisse Bedingungen: Beide Parteien müssen einverstanden sein und sich über die Betreuung einigen können. Das heutige Scheidungsrecht diskriminiert in drei Fällen die Frauen. Erstens: Behält eine Frau ihren eigenen Namen, heisst das Kind wie der Mann. Zweitens: Bei den Unterhaltsbeiträgen trägt die Frau ein allfälliges Manko. Und drittens: Die Pensionskassengelder werden nicht aufgeteilt, bis das jüngste Kind sechzehn ist. Dieselben Männer, die heute für die gemeinsame Sorge kämpfen, wehrten sich, in diesen Punkten etwas zu tun. Ich bin keine handgestrickte Feministin. Ich will eine Gleichbehandlung von Gleichem.

Wehrli: Selbstverständlich ist die heutige Lösung eine Diskriminierung des Mannes, und wir reden nicht nur von den Geschiedenen,sondern auch von den Unverheirateten. Ein Beispiel: Vater und Mutter arbeiten je 50 Prozent, beide kümmern sich hälftig um die Kinder alles ist einvernehmlich und gleichmässig aufgeteilt. Dann zerbricht die Beziehung, und die Eltern können sich nicht einigen. Nach heutigem Recht gibt es das Sorgerecht nur für einen von beiden. Bei Unverheirateten von Gesetzes wegen für die Mutter. Ein Vater, der voll arbeitet, hat sowieso keine Chance. Frau Thanei verteidigt das Zivilgesetzbuch (ZGB) von 1912 mit den damaligen Rollenbildern.

FACTS: Frau Thanei, hat ein Mann, der klassischer Versorger ist, weniger Anrecht auf die gemeinsame Sorge?

Thanei: Nein. Und ich will selbstverständlich nicht zurück zum ZGB von 1912. Die Idealvorstellung von uns linken Frauen ist, dass beide Elternteile die Kinder betreuen und in ihrer beruflichen Karriere Kompromisse eingehen. Es gibt Fälle, in denen Männer die Kinder fast vollumfänglich betreuen. Dann einigen sich die Parteien auch - oder die elterliche Sorge wird dem Mann zugesprochen.

FACTS: Der Mann ist allerdings immer dem Goodwill der Frau ausgeliefert.

Thanei: Das ist nicht wahr. Wenn sie bisher gemeinsam die Kinder betreuten, werden sie sich einigen. Eine Frau ist doch noch so froh, wenn der Vater sich weiter um die Kinder kümmert. Einigen sie sich nicht, können beide Parteien die alleinige Sorge beantragen. Dann hat der Mann die gleichen Chancen. Dass die elterliche Sorge im Streitfall meistens der Frau zugeteilt wird, hat etwas mit den realen Verhältnissen zu tun.

Wehrli: Wenn die Frau weiss, sie gewinnt ohnehin, muss sie gar nie auf gleicher Augenhöhe diskutieren. Der Mann weiss, er hat eine statistische Chance von etwa zehn Prozent auf das Sorgerecht. So läuft alles schon vorher falsch. Eine linke Frau behauptete in der Herbstsession etwas völlig Absurdes. Männer würden drohen: «Entweder du verzichtest auf Geld, oder ich fordere die elterliche Sorge.»

Thanei: Das habe ich gesagt. Weil ich es als Anwältin schon oft erlebte.

Wehrli: In meiner Praxis - ich vertrete Männer und Frauen - habe ich so etwas noch nie gehört. Und wenn, wäre es eine völlig hilflose Drohung, mit der Männer vor Gericht nie durchkämen. Wesentlich effizienter ist hingegen die Frau, die sagt: «Du bekommst die elterliche Sorge, wenn du mehr bezahlst.» Das erlebe ich.

Thanei: Ich bin seit 18 Jahren Anwältin und vertrete Frauen. Ich habe bis jetzt das Gegenteil erlebt: Männer wollen teilweise die gemeinsame elterliche Sorge, weil sie hoffen, dann weniger Unterhaltsbeiträge zahlen zu müssen. Oder sie drohen, vor Gericht auszusagen: «Du bist eine schlechte Mutter.» Ich habe noch nie den Fall erlebt, dass eine Frau höhere Alimente gegen das Sorgerecht ausspielte. So etwas würde ich auch nicht unterstützen.

FACTS: Ein Vater ohne elterliche Sorge kann nicht einmal vom Lehrer seines Kindes Auskunft verlangen.

Thanei: Das stimmt so nicht. In Zürich steht in fast allen Scheidungsvereinbarungen, die Frau habe den Mann bei wichtigen Entscheiden zu informieren und der Vater dürfe sich in der Schule erkundigen.

Wehrli: Das ist ja interessant. Wo die Gerichte gerade in Zürich so oft Mediation verordnen, weil sich die Parteien nicht selber einigen können.

Thanei: Die Gerichte schlagen eine Mediation vor. Verordnen hätte keinen Sinn.

Wehrli: Man sollte sie aber verordnen. Eine neutrale Vermittlerperson kann eher verhindern, dass eine Frau via Kind Krieg führt. Hält sie ihren Partner für nicht mehr opportun, so behauptet sie einfach, sie könne nicht mehr mit ihm reden. Und Zack, sie hat die Sorge - er darf zahlen.

Thanei: Eine Mediation setzt voraus, dass die Parteien miteinander reden können. Das ist auch die Voraussetzung für die gemeinsame elterliche Sorge. Gesetzlich vorgeschriebene Mediationen und Therapien sind untauglich. Sonst kommunizieren die Eltern miteinander über Zettelchen, die sie den Kindern mitgeben - und diese kommen in einen Loyalitätskonflikt. Für Gesprächsverweigerung gibt es meistens einen Grund. Dann gehen die Gerichte von den bestehenden Verhältnissen aus und fragen, wer hat die Kinder in den letzten zehn Jahren betreut? Was kann ich dafür, dass das meistens die Frauen sind? Eine aufgezwungene gemeinsame Sorge führt zu weiteren Verfahren.

Wehrli: Eine Frau muss doch nur die Diskussion verweigern. Und schon sagen Sie, Frau Thanei: Aha, schau! Die können nicht mehr miteinander diskutieren.

Thanei: Das ist Unsinn.

Wehrli: ... der aber stattfindet. Dann gibt es noch jene Frauen, die das Gespräch verweigern, weil sie nicht mehr den Hans Müller gern haben, sondern den Pauli Meier und den Hans Müller loswerden wollen.

Thanei: Es gibt mehr Scheidungen, weil Paul Meier eine neue Freundin hat, nicht weil Urseli Müller einen neuen Paul hat!

FACTS: Frau Thanei, wenn Sie in der Scheidungskonvention die Eltern verpflichten, sich bei wichtigen Fragen abzusprechen, sind Sie nicht mehr weit weg von der gemeinsamen Sorge.

Wehrli: ... aber nur, wenn die Frau bei der Konvention mitmacht!

Thanei: Ich bin gefragt worden, Herr Wehrli. Mit einem ausgedehnten Besuchsrecht und damit, dass ein Mann bei wichtigen Entscheiden mitreden kann, sind wir sehr nahe bei einer Idealvorstellung, die den geltenden Verhältnissen entspricht.

Wehrli: Frau Thanei möchte, dass die Männer zuerst nett sind. Dann werden sie vielleicht irgendeinmal mit einem besseren Gesetz belohnt. In allen anderen Lebensbereichen aber herrscht immer ein Geschrei: Wir müssen Gesetze machen, Kommissionen gründen, Frauengruppen, Geld ausgeben, damit unser aller Leben endlich «besser» wird. Ausgerechnet hier aber, wo es um Kindeswohl und Gleichberechtigung der Väter geht, da trauen Sie dem Gesetz kein gesellschaftliches Steuerungspotenzial zu.

Thanei: Das ist naiv. Während der Ehe gibt es die gemeinsame Sorge. Warum soll ein Mann, der diese Verantwortung nicht wahrgenommen hat, obwohl sie im Gesetz verankert ist, diese später wahrnehmen? Wir haben auch ein Recht auf gleichen Lohn. Trotzdem sind die Frauen noch immer diskriminiert.

Wehrli: Aber da wurde immerhin das Gesetz geändert.

Thanei: Wir haben eine mütterfeindliche Gesellschaft. Das feministische Anliegen ist, dass sie mütter- und frauenfreundlicher wird. Dass auch Frauen eine Tellzeitkaderstelle haben können.

FACTS: Herr Wehrli, es fällt auf, dass Männer sich immer dann sperren, wenn es um Krippen, Tagesschulen und flexible Arbeitsmodelle geht.

Thanei: Den Vaterschaftsurlaub haben Sie auch abgelehnt ...

Wehrli: ... weil er nicht zahlbar ist und wir im Moment besser aufhören mit diesen Übungen. Wir haben knapp die Mutterschaftsversicherung durchgebracht. Da war ich dafür.

FACTS: Trotzdem. Das Sorgerechts-Postulat ist sehr schnell sehr weit gekommen. Die Mutterschaftsversicherung brauchte 50 Jahre. Geht es rascher vorwärts, wenn Männer etwas wollen?

Thanei: Ja.

Wehrli: Hoffentlich geht es auch schnell weiter. Jetzt ist mal ein Postulätchen durchgekommen. O Glück!

Thanei: Wir werden es noch bekämpfen.

Wehrli: Besten Dank, das hilft. Ich bin durchaus für eine offene, engagierte Auseinandersetzung. Aber dann muss man miteinander einen Weg finden.

Thanei: Ja, davon bin ich auch überzeugt. Aber auch davon, dass es bei gesellschaftlichen Dingen wie Vaterschaftsurlaub beginnt, bei Betreuungsangeboten, bei gleichem Lohn. Heute argumentieren Männer immer noch damit, der Mann arbeite 100 Prozent, weil er mehr verdiene als die Frau. Darum müssen wir dort ansetzen.

FACTS: Frau Thanei, nochmals, Sie sprechen immer vom partnerschaftlichen Verhältnis in der Ehe. Wieso sollte nach einer Scheidung aufhören, was vorher normal war- die gemeinsame Sorge?

Thanei: Es gibt heute sehr viele Väter, die sich um ihre Kinder kümmern. Und die machen das auch nachher noch, unabhängig davon, wer die Sorge hat.

FACTS: Aber nur, wenn die Frau ihn lässt.

Thanei: Das machen die meisten. Praktisch alle Frauen sind froh, wenn die Männer das Besuchsrecht regelmässig wahrnehmen. Aber viele Klientinnen rufen mich am Montag an und sagen, der Vater sei wieder nicht gekommen.

FACTS: Die Debatte um die gemeinsame Sorge weckt Emotionen. Frau Thanei, Sie wurden kürzlich an einer Veranstaltung von wütenden Vätern übel beschimpft.

Thanei: Ich bekam nach der Nationalratsdebatte 50 Mails mit Inhalten unter der Gürtellinie. Mindestens.

FACTS: Herr Wehrli, was sagen Sie zu solchen Entgleisungen?

Wehrli: Es ist inakzeptabel, wenn Männer im Saal herumlärmen, Frau Thanei als Lügnerin beschimpfen oder sie mit hämischem Tonfall fragen, ob Sie überhaupt Kinder habe. Darin sind wir uns einig: Der Anstandsrahmen muss gewahrt bleiben. Trotz aller Emotionen.

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