Verrat am Vaterland
Mit der hitzigen Politdebatte um das Sorgerecht nach Scheidungen fällt die Schweiz in einen dumpfen Geschlechterkampf zurück. Verlierer sind absurderweise gerade jene Väter, die sich um Hausarbeit und Kinder kümmern.
Eine Sasha-Puppe sitzt auf dem Küchenboden, daneben steht eine hölzerne Spielküche mit weissblauen Emailletöpfchen. Zielstrebig greift sich die kleine Nuria eines davon und hilft ihrem Vater Salat rüsten: «... drei, vier, fümpf», zählt das Kind die Rucola-Blätter ab, um sie dann in ihr Töpfchen zu legen. «Nuria, schau», sagt Valentin Schiess, 40, «hier musst du die braunen Teile am Stiel abzupfen.» Er tut das mit der Gelassenheit des geübten Teilzeitvaters.
Valentin Schiess, 40, und Monika Esslinger, 36, teilen sich die Betreuung ihrer knapp dreijährigen Tochter hälftig. Er ist Weinbauer im Baselbiet. Sie, gelernte Kindergärtnerin, hat ein 60-Prozent-Pensum im Direktionssekretariat einer kirchlichen Non-Profit-Organisation und bildet sich an einem Tag pro Woche zur Musiktherapeutin weiter. Das Elternpaar teilt sich nicht nur die Obhut, sondern auch ganz selbstverständlich das Sorgerecht für Nuria - obwohl Valentin und Monika nie verheiratet waren und längst kein Liebespaar mehr sind. Zwar stritten und zankten sich die beiden bei der Trennung, etwa um Betreuungszeiten und die Höhe der Alimente; mit Hilfe einer Mediatorin konnten sie diese Konflikte lösen. Eines aber war für das EIternpaar auch in den schwierigsten Zeiten klar: dass sie gemeinsam die Sorge um Töchterchen Nuria tragen und auch die Obhut teilen.
Die Front der linken Frauen
Die Partnerschaftlichkeit über die grosse Liebe hinaus bewährt sich. Monika Esslinger sagt: «In Erziehungsfragen ziehen wir am gleichen Strick, auch wenn jeder von uns sie im Alltag ein wenig anders umsetzt. Valentin ist auch nach der Trennung ein wunderbarer Vater.»
Es geht also doch. Wer in der Herbstsession die Debatte des Nationalrates um die Einführung des gemeinsamen Sorgerechts als Regel mitverfolgte, dem muss das faire Arrangement des Paars Schiess-Esslinger als ein Wunder erscheinen. Denn der Nationalrat lieferte sich wegen des CVP-Postulats einen ideologischen Schlagabtausch, der an die Zeiten des kältesten Geschlechterkriegs erinnert. Der Vorstoss fordert, dass nach einer Trennung beide Elternteile automatisch gesetzliche Vertreter ihrer Kinder bleiben.
Linke Politikerinnen wie die Zürcher SP-Nationalrätinnen Jacqueline Fehr und Anita Thanei stellen sich mit Vehemenz gegen die neue Regelung. Sie zeichneten im Parlament ein Vater- und Männerbild, das den Mann vor allem als Täter und die Frau als sein Opfer sieht. Jacqueline Fehr wusste von Müttern zu berichten, «die erlebt haben, wie sich die Väter über Jahre aus der Verantwortung geschlichen haben», Von Müttern, «die Gewalt und Erniedrigung erlebten, Angst um ihre Kinder hatten, die nach Jahren des Wartens, des Erduldens und Verzeihens genug hatten. Und all diese Mütter», so Fehr weiter, «werden vor Gericht alles daransetzen, auch in Zukunft das alleinige Sorgerecht zu erhalten.»
Selbstverständlich gibt es schlechte Väter, schlechte Ehegatten. Aber die SP-Politikerin kennt offenbar zu wenige Männer wie Valentin Schiess. Realität ist, dass die alten Geschlechtsrollenmuster zu Gunsten neuer Formen des partnerschaftlichen Zusammenlebens weichen. Und dass Väter sich nicht auf die Rolle eines Familienernährers reduzieren lassen wollen. Dass sie vielmehr versuchen, sich aktiv an der Betreuung und Erziehung der Kinder zu beteiligen. Dies hielt Mitte Jahr nicht irgendeine männerbewegte Wollsocken-Fraktion fest, sondern der Verband Pro Familia.
Es gibt sie, die neuen Väter. Eine im Februar 2005 publizierte Univox-Studie belegt den Wandel: Zwei Drittel der Befragten unter 64 Jahren unterstützen das partnerschaftliche Familienmodell (beide Partner sind erwerbstätig, beide teilen sich Hausarbeit und Kinderbetreuung). Noch zehn Jahre zuvor war bloss die Hälfte der Befragten dieser Meinung.
Zugegeben, Männer, die ihren Anteil an Haushalts- und Erziehungsarbeit mehr als nur am Feierabend wahrnehmen, sind noch in der Minderheit. Und einige machen in Zeiten der «political correctness» zwar Lippenbekenntnisse, aber keine Hausarbeit. Bloss: Soll man mit dieser Argumentation gerade die neuen Väter bestrafen, die ihre Verantwortung wahrnehmen und zupacken? Und die dies auch im Falle einer Trennung tun wollen?
Auch Monika Esslinger hätte Grund genug gehabt, ihrem Ex-Partner Valentin Schiess nicht mehr als das im Gesetz vorgesehene zweiwöchentliche Besuchsrecht zuzugestehen. Immerhin hatte er sie kurz nach der Geburt verlassen. Nach fünfjähriger Beziehung. «Ausgerechnet zu einer Zeit, in der ich viel Zuwendung brauchte.»
Zwar gibt eine Mutter mit dem geteilten Sorgerecht auch einen Teil ihrer Macht ab, aber auch eine Last. «Da Valentin seine Verantwortung wahrnimmt», sagt Monika Esslinger, «habe ich sehr viel Eigenständigkeit für mich zurückgewonnen.» Ist das Kind beim Vater, weiss sie es in guten Händen, kann sie sich ganz auf ihren Beruf konzentrieren - oder ihre Freizeit. «Ich geniesse das», sagt Esslinger.
Erbitterter Kampf mit Zahlen
Das Scheidungsrecht bevorzugt in der Kinderfrage klar die Frauen. 2004 wurden 8926 Kinder der Mutter zugesprochen, lediglich bei 3998 Kindern kam das gemeinsame Sorgerecht zum Zug. Der Streit um die gemeinsame Sorge als Regel zeigt, wie auch heute noch ideologischer Ballast eine sachorientierte Lösung behindert. Dabei sind es nicht nur die Gegnerinnen des geteilten Sorgerechtes, die mit Klischees Stimmung machen wollen. Auch unter den Befürwortern gibt es Politiker, die ein nicht weniger realitätsfernes Männerbild ins Feld führen: der Mann als armer Schlucker, der von der Frau zum «Zahlvater» degradiert wird. Der grüne Nationalrat Daniel Vischer konstatiert angesichts der emotional aufgeheizten Politdebatte «Da sind auf beiden Seiten Kampfmaschinen am Werk.»
Die Befürworter der gemeinsamen Sorge berufen sich auf eine Studie des Nürnberger Hochschulprofessors Roland Proksch; in Deutschland ist die gemeinsame Sorge seit längerem die Regel. Fazit der Untersuchung: Väter mit gemeinsamem Sorgerecht zahlen die Alimente pünktlicher, halten die Besuchszeiten korrekter ein und verhalten sich ganz allgemein kooperativer. Das bedeutet: Wenn die Eltern sich von Gesetzes wegen einigen müssen, können sie es auch.
Allerdings streiten sich die Fachleute immer wieder über die Aussagekraft solcher Forschung. Proksch beispielsweise wird von der ebenso renommierten deutschen Wissenschaftlerin Kerima Kostka vorgeworfen, methodische Fehler begangen zu haben. Der Jurist Linus Cantieni, wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Nationalfondsprojekts, das die aktuelle Schweizer Scheidungspraxis und den Alltag von Scheidungsfamilien untersucht, sagt: «Kostka kann Proksch nachweisen, dass er Schlüsse zieht, die empirisch nicht nachgewiesen sind.»
Wenn schon die Experten sich gegenseitig mit Misstrauen begegnen, was ist dann von Politikern zu erwarten? «Die Hälfte der Väter haben zwei Jahre nach der Scheidung keinerlei Kontakt mehr zu den Kindern», behauptet etwa SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr. Kein Wort verliert sie jedoch über die möglichen Gründe oder über Zahlen, wie viele Mütter kategorisch das Besuchsrecht der Kinder beim Vater torpedieren und hintertreiben. Fehr verliert ebenso kein Wort darüber, dass andere Studien zu ganz anderen Schlüssen kommen: etwa die Forsa-Studie im Auftrag des deutschen Bundesfamilienministeriums von 2002. Sie eruiert eine «Rabenväter-Quote» von «nur» 25 Prozent. Das heisst: Drei von vier Scheidungsvätern bemühen sich um einen regelmässigen Kontakt zu ihren Kindern.
Die neuen Väter: Einer, der aufs Ganze ging und den radikalen Rollenwechsel vollzog, ist Thomas Stüssi, 39. Seit rund vier Jahren ist der Dübendorfer Hausmann. Damit teilt er bewusst Schicksal und Alltag von rund 15 000 Hausmännern hier zu Lande, wie aus einer soeben publizierten Studie des Bundesamts für Statistik hervorgeht. Seit Stüssi zu Hause wäscht, putzt und kocht, unterrichtet seine Frau wieder Sekundarschüler, Zuvor war sie «Nur-Hausfrau» - er arbeitete auswärts. Hauptmotiv für seinen Wechsel an den heimischen Herd: «Ich wollte endlich richtig Vater sein.»
«Hey, wann arbeitest du wieder?»
Es gab ein Schlüsselerlebnis für den gelernten Mechaniker, der zuletzt als Jugendarbeiter tätig war: Als seine heute neunjährige Tochter Selina als kleines Mädchen einmal hinfiel und sich wehtat, rannte sie an ihm, der gleich neben ihr stand, vorbei. Sie kroch in die Arme seiner Frau, von ihr wollte die Kleine getröstet werden. «Das traf mich», sagt Stüssi, während er in der Küche das Mittagessen für seine Tochter zubereitet, Apfel-Risotto mit Schinken. Heute mache sein Kind keinen Unterschied mehr, ob Mami oder Papi. Vermisst er etwas aus seinem früheren Erwerbsleben? Stüssi denkt lange nach. «Nein, nichts.»
Von Kollegen hört er ab und zu: «Hey, wann arbeitest du wieder?» Er nimmts gelassen. Denn er weiss: Er arbeitet. Obwohl er sich anfänglich davor fürchtete, hat ihn kein Hausmänner-Koller gepackt. Und der Karriereknick? Stüssi winkt ab: «Die zufriedenen Gesichter zu Hause, das Lachen meiner Tochter, hautnah dabei zu sein und zu sehen, wie sie aufwächst und sich entwickelt - das alles ist mir viel mehr wert.»
Glückliche Männer am Herd
Die Debatte um das Sorgerecht ist Stüssi «sauer aufgestossen». Er hat seine eigene Theorie: «Ich glaube, Fehrs bösartige Männer waren wohl auch nicht alle von Anfang an bösartig. Viel eher ist ihr Verhalten Teil eines komplexen Systems.» Zuweilen sind es sogar die Frauen, denen es bange wird angesichts eines glücklichen Mannes am Herd. Als er einer Bekannten erzählte, er sei Hausmann und erst noch happy, meinte die: «Schwärm mir bloss nicht zu sehr vor meinem Mann davon. Sonst will der auch noch Hausmann werden.»
Stüssi will irgendwann wieder einer Erwerbsarbeit nachgehen. Aber dann werden er und seine Frau auf Teilzeit setzen und Haus- und Erziehungsarbeit möglichst fair aufteilen.
Das ist kein leichtes Unterfangen. Aber machbar. Die Fachstelle «Und» setzt sich seit Jahren für die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit ein - für Frauen und Männer. Während berufstätige Mütter heute eine Selbstverständlichkeit sind - in der Schweiz gehen 80 Prozent einer Erwerbsarbeit nach -, tun sich die Herren noch etwas schwer mit ihrem - auch nicht mehr so neuen - Selbstverständnis. «Die Rolle der Männer hat sich zwar gewandelt», sagt Thomas Huber, Leiter der «Und»-Fachstelle Basel, «die Verunsicherung aber ist geblieben.» Männer glaubten oft, alles im Griff haben zu müssen - sei es als traditionelle, aber auch als so genannte neue Väter.
Manchmal hilft allein schon reden. Seit einem Jahrtreffen sich sechs Männer des Typus moderner Vater einmal im Monat in einem Basler Quartierzentrum. Dann reden sie über die Familie, den Beruf, ihre Kinder - und darüber, wie Mann das alles unter eine schnittige Dächlikappe bringt. Einige sind geschieden, andere arbeiten Teilzeit. Die Herrenrunde könnte unterschiedlicher nicht sein. Aber alle haben sie Kinder, an deren Erziehung, an deren Leben sie teilhaben wollen.
Panik vor Geschirrbergen
Einer davon ist Patrick Eichenlaub, 35. Der Projektleiter bei einer Investitionsgüterfirma definiert sein Pensum als «Teilzeit light». Dienstags und donnerstags kümmert er sich am Morgen um den Haushalt und kocht das Mittagessen für die beiden vier- und siebenjährigen Kinder sowie seine Frau Daniela, 36, die dann zu Hause die Nachmittagsschicht übernimmt. Die beginnt in der Regel mit dem Abwasch der vom Gatten ausgiebig genutzten Pfannen. «Ich lege viel Wert auf gutes Kochen», meint er. «Er bemüht sich redlich», gesteht sie ihm zu, «aber natürlich würde ich es anders machen und schon während des Kochens abwaschen.» Die unterschiedlichen Arbeitsweisen und Prioritäten des Partners müsse man akzeptieren, sagen die Eichenlaubs, sonst funktioniere es nicht.
Immerhin musste Daniela Eichenlaub ihren Mann nicht lange zur Arbeitsteilung überreden, obwohl deswegen vermutlich seine Karriere litt. «Das war mir von Anfang an bewusst», sagt Eichenlaub. Mehr ärgert ihn, dass er als männlicher Pionier in Sachen Teilzeitarbeit auch Vorreiter für andere war, die ihren Gewinn an Freizeit nicht in die Familie investieren, sondern zur Pflege ihrer Hobbys. «Es kann mir eigentlich egal sein, was andere machen», sagt er, «aber mir ist halt die Familie das Wichtigste.» Und Patrick Eichenlaub hat ja seine «Väterkränzchen», bei denen es um andere Themen gehe als Sex und Militär. Neue Väter tratschen gern.
Eine kostspielige Fairness
Der Typus des Familienmannes tauchte zuerst im linken, alternativen Milieu auf. Heute ist es auch und vor allem die gut situierte Mittelstandsfamilie, die sich Arbeit und Familienbetreuung teilt. Thomas Huber, Basler Leiter der Fachstelle «Und»: «Es ist die gleiche Entwicklung, die Anfang letztes Jahrhundert stattfand. Erst konnten es sich nur die Begüterten leisten, dass die Ehefrau zu Hause blieb. Es war ein Statussymbol, dem die Arbeiterklasse nacheiferte.» Heute ist es gerade umgekehrt: Die Begüterten leisten es sich, dass Mann und Frau zu Hause präsent sind, also Zeit mit den Kindern verbringen können.
Doch zunehmend verlangen auch Handwerker und Arbeiter ein Recht auf Familienanschluss und wollen Teilzeit arbeiten. Oft nicht zur Freude der Ehefrau, die als Hausfrau und Mutter ungleich mehr Gestaltungsfreiraum ihres Alltags hat als etwa in einem dienenden Beruf wie Coiffeuse oder Sekretärin.
Karriere trotz reduziertem Pensum
Aber genauso, wie Männer sich nur um Kinder und Familie kümmern können, wenn die Frau es zulässt, können Frauen nur erwerbstätig sein, wenn der Mann zu Hause hilft. Und zwar richtig. «Männer engagieren sich durchaus in der Kinderbetreuung, aber sie vergessen oft den Haushalt», sagt Thomas Huber. «Dabei gehört das genauso selbstverständlich zur Familienarbeit. Es kann nicht sein, dass Mütter verstärkt erwerbstätig sind und dann auch noch die ganze Last der Hausarbeit tragen müssen.»
Laut einer Studie des eidgenössischen Büros für Gleichstellung aus dem Jahr 2002 leisten Frauen durchschnittlich 34 Stunden in der Woche Haus- und Familienarbeit. Männer rund die Hälfte, nämlich 18 Stunden. Diese Zahl steigt allerdings an, wenn das Paar im Konkubinat lebt. Dasselbe gilt für unverheiratete Väter. Mit Heirat und steigender Kinderzahl geht dieses Engagement deutlich zurück. Bei drei Kindern wendet er ganze 39 Prozent der Zeit auf, die die Mutter investiert. In den meisten Fällen wohl, weil die Frauen eher zu Hause bleiben, je mehr Kinder da sind.
Aber ist ein guter Vater nur einer, der Teilzeit arbeitet? Ist es gerecht, einem Vater, der den Lebensunterhalt für die ganze Familie verdient, bei einer Scheidung das Sorgerecht mit der Begründung zu verweigern, er habe zu viel gearbeitet? «Auf keinen Fall», ist Bernhard Hasler vom Verein verantwortungsvoll erziehender Väter und Mütter VeV überzeugt. «Ein Mann, der sich nur am Abend und an den Wochenenden um die Kinder kümmern kann, ist deswegen noch kein schlechterer Vater.» Teilzeitstellen könnten sich ohnehin nur Väter mit gutem Einkommen leisten, sagt Hasler. «Es ist eher so, dass oft auch die Frauen arbeiten müssen, damit die Familie über die Runden kommt - und deswegen heisst es ja auch nicht, sie seien die schlechteren Mütter.» Tatsächlich geniessen heute berufstätige Mütter eine gesellschaftliche Akzeptanz, um die Teilzeit arbeitende Väter noch ringen müssen. Wenn ein Mann allerdings mit genügend Nachdruck und guten Argumenten beim Arbeitgeber anklopft, bieten heute erstaunlich viele Firmen durchaus Hand zu einer Karriere trotz reduziertem Pensum.
Ihr Kinderlein kommet
Vor vier Jahren berichtete FACTS in einer Titelgeschichte (49/2001) über Väter, die Teilzeit in Kaderpositionen arbeiten - bei Verlagen, Banken, Versicherungsunternehmen, Chemiefirmen oder als Selbstständige. Eine Rückfrage bei den betreffenden Vätern zeigt: Alle haben die einmal gewählte Aufteilungsform von Arbeit und Betreuung mehr oder weniger unverändert beibehalten. Gestiegen ist nicht das Arbeitspensum, sondern die Anzahl der Sprösslinge - in zwei Familien sind insgesamt drei Babys dazugekommen. Kümmern sich Papi und Mami gemeinsam um die Kinder und machen trotz Teilzeitarbeit Karriere, klappts offenbar auch mit der Steigerung der Schweizer Geburtenrate. Das sollte Politik und Wirtschaft zu denken geben.
Die Bundesratsfrage
Trotz der barschen und gehässigen Opposition ist das CVP-Postulat über die gemeinsame Sorge als Regelfall mit grosser Mehrheit überwiesen worden. Der Bundesrat muss das Anliegen nun prüfen, was bis zu zwei Jahre dauern kann. Eine gewichtige Rolle in der Beurteilung wird einem Nationalfondsprojekt über die Schweizer Scheidungsrealität zukommen; mit ersten Ergebnissen ist im Frühling 2006 zu rechnen. «Nächstes Jahr werden wir erstmals umfassende Daten für die Schweiz erhalten», sagt Projekt-Mitarbeiter Linus Cantieni. Erst dann werde es möglich sein, «eine vernünftige und vor allem sachlich geführte Diskussion über allfällige Reformen zu führen».
Sollte die geteilte Sorge als Regel tatsächlich beschlossen werden, wäre dies auch ganz im Sinn eines prominenten Schweizer Anwaltspaares, von Franz Steinegger, 62, und seiner Frau Ruth Wipfli Steinegger, 48. «Die geteilte Sorge ist ein probates Mittel gegen die immer wieder stattfindenden Machtkämpfe zwischen den Eltern», sagt Wipfli Steinegger; als Scheidungsanwältin vertritt sie Frauen wie Männer. Der Gesetzgeber müsse alles daran setzen, dass die Auseinandersetzungen nicht auf dem Buckel der Kinder ausgetragen würden. «Ich kenne Väter, die ihre Kinder jahrelang nicht mehr sehen durften. Diese Väter sind am Boden. Die glauben nicht mehr an den Rechtsstaat.»
Ihren Gatten, den ehemaligen FDP-Parteipräsidenten, nennt die Juristin einen modernen Vater. «Franz ist enorm gern Papa», sagt sie. «Er ist sogar der grössere Kindernarr als ich.» Die beiden führen in Altdorf UR gemeinsam eine Anwaltskanzlei. Freizeit ist knapp - «doch mein Mann setzt ganz bewusst einen Tag pro Woche für unseren Sohn Benjamin ein. Das war selbst während den stressigen Expo-Zeiten der Fall», sagt Wipfli. Und fügt ohne einen Anklang eines Vorwurfs - an: «Für mich allein würde er das sicher nicht machen.»
Ex-Politiker Steinegger will zwar nicht aufs Podest der neuen Väter gehoben werden: «Socken stopfen und waschen, das tue ich dann nicht», sagt er trocken. «Aber wenn meine Frau weg ist, schaue ich schon, dass Benjamin und ich verpflegt sind.» Sein zwölfjähriger Sohn ergänzt: «Das geht auch mal mit Büchsen.»
Doch das Wort des gemeinsamen Kindes - Steinegger hat noch einen 29-jährigen Sohn aus erster Ehe - zählt bei Franz Steinegger. Als er 2003 vor der Entscheidung stand, für den Bundesrat zu kandidieren, hatte er das «letzte, bedeutungsvolle» Gespräch mit Benjamin. «Ein mögliches Veto von ihm hätte Gewicht gehabt», sagt Steinegger, «aber er sagte ganz schnell: (Machs ... )»
Franz Steinegger will in seiner Freizeit vor allem mit Benjamin zusammen sein. «Das hat für ihn Priorität», sagt Wipfli. Konkret heisst das: gemeinsam Bergtouren unternehmen, gemeinsam klettern, gemeinsam Ski fahren. Sage sie ihrem Mann einmal: «Komm, lass uns eine Woche in die Ferien verreisen, nur du und ich», sage er meist: «Gut, aber Benjamin kommt mit, oder?» Auch Ruth Wipfli erkennt einen allgemeinen Mentalitätswandel. «Die Generation unserer Väter war ganz anders. Freizeit hiess früher für Männer: Schützenverein, Turnverein, Jassen. Ohne Kinder, selbstverständlich» Steineggers wissen, dass sie als Anwälte zu den Privilegierten gehören. Sie leisten sich eine 50-Prozent-Haushalthilfe. «Den Rest der Haushaltarbeit und die Kinderbetreuung teilen wir uns», sagt Wipfli.
«Katastrophen-Franz» erlebt wieder einmal eine hektische Phase. Als Suva-Verwaltungsratspräsident steht er wegen der Immobilienaffäre unter Druck. «Doch meine Familie lässt sich dadurch nicht belasten. Wir sind turbulente Zeiten gewohnt.» Indes, die Geschichte absorbiere ihn zeitlich enorm. «Ich bin arbeitsmässig fast ausschliesslich damit beschäftigt.»
Über die Gründe der feministischen Totalopposition gegen die geteilte Sorge als Regelfall können die beiden Anwälte nur mutmassen. «Es entspricht keiner Vernunft, einerseits den engagierten Vater zu propagieren, der im Haushalt und bei der Kinderbetreuung genau gleich mitwirken soll, um ihm dann anderseits ein Mitspracherecht zu verwehren», sagt Wipfli. Und ihr Gatte vermutet ein «verabsolutiertes Selbstbestimmungsrecht».
Eine Spätfolge vielleicht des Slogans: «Mein Bauch gehört mir.» |