Nach der Flut droht der Kinderhandel
Die Kinderschutzbeauftragte der Unicef warnt vor Menschenhändlern, die versuchen könnten, Kinder aus den Katastrophengebieten zu entführen, zu versklaven oder zur Adoption aus dem Land zu schmuggeln. Zehntausende Kinder haben in der verheerenden Flut ihre Eltern verloren.
Sie haben den Tsunami überlebt, jetzt droht ihnen Gefahr von Menschenhändlern: Zehntausende Kinder, die in der Flut in Indonesien ihre Eltern verloren haben, könnten in die Fänge von Schleuserbanden geraten und als Arbeits- oder Sexsklaven verkauft oder zur Adoption aus dem Land geschmuggelt werden.
„Ich bin sicher, dass es passiert“, sagt Birgithe Lund-Henriksen, Kinderschutz- beauftragte von Unicef in Jakarta. „Für diese Banden ist die Flutkatastrophe die perfekte Gelegenheit.“
Zwei versuchte Fälle von Kindesentführung
Wie der Sprecher des Kinderhilfswerks der UN, John Budd, berichtet, gab es schon zwei versuchte Fälle von Kindsentführungen in der indonesischen Provinz Aceh, die von der Flut am schlimmsten getroffen wurde. Nähere Angaben machte Budd zunächst nicht.
Die Regierung in Jakarta ist längst alarmiert. Alle Kinder unter 16 Jahren dürfen die Provinz nicht verlassen, bis der Registrierungsprozess abgeschlossen ist. Dies könnte noch Monate dauern.
Die Polizisten wurden aufgerufen, besonders wachsam zu sein. Für mehrere Auffanglager in Aceh wurden zudem eigens Beamte abgestellt. Sie sollen die Menschen dort auf mögliche Menschenschmuggler aufmerksam machen, die sich als Angehörige von Waisenkindern oder als Mitglieder von Wohltätigkeitsorganisationen ausgeben.
Sollten sich die Befürchtungen bewahrheiten, dann würde das grosse Leid der Kinder noch weiter steigen. Die Regierung in Indonesien geht davon aus, dass 35.000 Kinder in Aceh mindestens ein Elternteil verloren haben.
Einladungen zur Adoption
Die Sorge um ihr Schicksal wird durch zahlreiche SMS-Nachrichten geschürt, in denen Menschen eingeladen werden, Waisen aus Sumatra zu adoptieren. Die Polizei geht den Handy-Anzeigen nach.
Bislang ist unklar, ob es sich um üble Scherze oder um tatsächliche Angebote handelt. Kinderschutzexperten sehen darin ein Zeichen, dass schon Kinder aus Aceh verschleppt werden. Die Chance, mit überlebenden Familienmitgliedern zusammengebracht zu werden, die womöglich nach ihnen suchten, gingen dadurch verloren.
Die Katastrophe auf Sumatra hat für Menschenhändler ideale Bedingungen geschaffen: Hunderttausende haben ihre Häuser verloren, Kinder wurden von ihren Familien getrennt, beim Tod der Eltern sind die Kleinen den Erwachsenen oft hilflos ausgeliefert, was auch immer diese im Schilde führen.
Zudem ist die betroffene Region um Banda Aceh nicht weit von der Hafenstadt Medan entfernt, auch die Insel Batam liegt nahe. Beide Orte sind als Umschlagplatz für Kinder aus Indonesien berüchtigt.
„Es ist unsere grosse Sorge, dass diese Kinder zu Arbeitssklaven gemacht oder anders ausgenutzt und missbraucht werden“, sagt Unicef-Generaldirektorin Carol Bellamy.
Spezielle Zentren für Kinder
Das UN-Kinderhilfswerk richtet derzeit in zwanzig Auffanglagern in Aceh spezielle Zentren für Kinder ein. Unicef-Mitarbeiter helfen dabei, die Kinder zu registrieren und vor Schleusern zu bewahren.
Die Bedrohung durch Menschenschmuggler sei in Indonesien grösser als in anderen betroffenen Ländern der Region, sagt Bellamy. Einerseits sei die Verwüstung dort besonders verheerend. Zum anderen seien die Ortschaften auf Sumatra extrem abgelegen. |