Prügel unterm Kreuz
Die dunkle Geschichte kirchlicher Jugendheime
"Wenn du nicht brav bist, dann kommst du ins Heim!" Was heute eher wie eine leere Drohung wirkt, hatte für Kinder in der Nachkriegszeit einen wahren, grausamen Hintergrund: Das Leben in vielen deutschen staatlichen und kirchlichen Kinderheimen war geprägt von Gewalt und Willkür.
Unter dem Mantel der christlichen Nächstenliebe misshandelten und demütigten auch kirchliche Erzieher ihre Schutzbefohlenen. Viele Opfer leiden noch heute darunter, haben aber bislang geschwiegen. In einem Buch des Journalisten Peter Wensierski sprechen sie nun erstmals über ihre Geschichte. Frontal21 hat einige ehemalige Heimkinder besucht.
"Wir bekamen Kopfnüsse, mal eben so im Vorbeigehen", berichtet Carola K. Frontal21. "Man sperrte uns ein im Keller, nächtelang." Die heute 44-Jährige verbrachte ihre ersten 14 Lebensjahre bis 1974 in einem katholischen Kinderheim bei Aachen. Auch Schläge mit harten Gegenständen gehörten bei den Nonnen zum Alltag, so Carola K.: "Willkürlich wurde das getan", sagt sie. Schon wer beim Essen redete, wurde bestraft.
Umarmen verboten
Zuneigung wurde den Kindern vorenthalten. "Es wurde auch unterbunden, Freundschaften zu schliessen untereinander", berichtet Carola K. Nicht einmal ihren Geschwistern, die auch in dem Heim lebten, durfte sie nahe kommen. Umarmen verboten! Über eine strenge, autoritäre Erziehung reichten die Methoden der Nonnen weit hinaus. Was Carola K. erlebte, war einfach Quälerei. "Das Schlimmste war, ich musste mein eigenes Grab graben", erzählt sie. Eine Nonne holte die damals 9-Jährige abends aus dem Bett und liess sie unter Todesangst graben. Das Mädchen flehte und bettelte - aber Gnade gab es nicht.
Mit 39 erwerbsunfähig
Heute erzählt Carola K. stockend und mit Tränen in den Augen von ihrer Kindheit. Mit 39 wurde sie erwerbsunfähig. In der Aachener Trauma-Ambulanz stellten die Ärzte fest, sie leide unter anderem an "Panikattacken mit Todesangst" und schweren Schlafstörungen. Die Diagnose umfasst ein Dutzend psychischer und physischer Beschwerden.
Bis heute kommt Carola K. nicht darüber hinweg, was sie im Heim erdulden musste. "Das ist eine tiefgreifende Störung, eine der schlimmsten Störungen, die es gibt und die auch sehr schwer zu behandeln ist, weil es über lange Zeiten ging", erklärt der behandelnde Neurologe Konrad Kreiten. "Diese Kinder können bestimmte Entwicklungsschritte nicht vollziehen oder nur unvollständig und entwickeln natürlich ein Vermeidungsverhalten."
Entschuldigung gefordert
Zahlreiche ehemalige Heimkinder müssten nach den Recherchen des Journalisten Peter Wensierski heute noch mit einem ähnlichen Schicksal wie Carola K. kämpfen. In den 60er Jahren wurden Wensierski zufolge Kinder in rund 3000 Heimen mit mehr als 200.000 Plätzen erzogen. 80 Prozent der Heime waren konfessionell.
Eine Entschuldigung, eine Wiedergutmachung der Kirche wäre für Carola K. wichtig. "Ich sage immer, die Nonnen waren die Handlanger der Kirche, die haben in Gottes Namen, im Namen der Kirche geprügelt." Sie fügt hinzu: "Und ich möchte die Kirche bitten, das einzusehen, dass es so war."
"Opfer empfinden Schuld"
Wie wichtig eine solche Entschuldigung für die Opfer sein kann, bestätigt der Traumatologe Dr. Guido Flatten. Er leitet das Euregio Institut für Psychosomatik und Psychotraumatologie in Aachen. "Die Opfer empfinden die Schuld, die die Täter nicht wahrnehmen", sagt er. Dies sei für Opfer ein Hindernis, gesund zu werden. "Wenn die früher Verantwortlichen heute ihre Verantwortung übernehmen, sich entschuldigen, dann ist das ein wichtiger Betrag dazu, dass Erkrankte genesen können."
|