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Standort: Home > Themen > Kindererziehung > Verzogen

Facts 02/2005
12. Januar 2005
Nicole Althaus und Serge Hediger

Verzogen statt erzogen

Kinder prügeln ihre Väter und Mütter, Eltern fliehen zu Therapeuten, Schulen schlagen Alarm. Nach Jahren des Laisser-faire herrscht Erziehungsnotstand. Die Realität ist schlimmer, als es TV-Shows wie «Super-Nanny» vermuten lassen – Zeit für eine gemässigte Kinderfeindlichkeit.

Kinder sind ein Segen, sagt der Volksmund – aber was bloss ist mit Klein Julian los? Er brüllt schon Stunden. Der 3-Jährige wälzt sich – der Kopf rot wie eine reife Tomate – auf dem blauen Spannteppich im Kinderzimmer, als wäre er ein Epileptiker. Dann zertrümmert er seine Spielzeugautos, eins ums andere, schlägt mit den Fäusten um sich und macht aus der Wohnung ein Katastrophengebiet: Puppen, Büchlein, Bauklötze überall. Will ihn Mutter Nicole, 32, in die Schranken weisen, lacht der Knirps sie nur aus. Freunde und Bekannte besucht Nicole schon lange nicht mehr – sie schämt sich für ihren Sohnemann. Eine Mutter, Tag für Tag von neuem den Tränen nahe, mit den Nerven am Ende. Ihre Kindererziehung, kaum hat sie begonnen, ist gescheitert. Julian, der 92 Zentimeter grosse Berserker, hat übrigens nicht nur das Mobiliar, sondern auch die Ehe der Bäckereiverkäuferin zerstört: Papa Robby hat bereits vor Wochen kapituliert; er ist aus der Wohnung ausgezogen.

Tobende Kinder, elende Mütter, geflohene Väter – derartige Familiendramen sind neuerdings der Stoff, aus dem das Fernsehen Quotenrenner macht. Programme wie «Die Super-Nanny» (RTL) und «Die Supermamas » (RTL 2) senden aus der Kampfzone Kinderzimmer und erreichen jede Woche bis zu zehn Millionen Zuschauer; über 300'000 sind es allein in der Schweiz. Pro 7 konterte in aller Eile mit «Fit for Kids – Eltern auf Probe», RTL 2 legte letzte Woche «Mama mia» nach. Trümmer, Tränen und Tragödien zur besten Sendezeit.

Polizei ausgerückt

Man kann über diese Reality-Sendungen denken, was man will – eines sind sie: real. Tatsächlich herrscht Erziehungsnotstand: Sozialberatungsstellen berichten von Kindern – vorwiegend 13- bis 17-jährige Mädchen und Jungen –, die ihre Eltern schlagen. 31 Mal ist die Zürcher Kantonspolizei im Jahr 2003 ausgerückt, weil ein Sohn oder eine Tochter auf einen Elternteil losgegangen ist; die Basler Polizei bestätigt eine «Besorgnis erregende Zunahme solcher Ereignisse». Kindergärten und Schulen schlagen Alarm, Mütter und Väter suchen vor den kleinen Tyrannen bei Psychologen und Erziehungsberatern Schutz.

Es ist, als ob im Jahr 2005 die einst natürlichste Sache der Welt eine Mission impossible geworden wäre. So hält eine überwältigende Mehrheit der Mütter und Väter das Kindergrossziehen für «mühevoll, undankbar und strapaziös»; das brachte jüngst eine Studie des Spielwarenherstellers Mothercare an den Tag. 71 Prozent der befragten Mütter und Väter sagten, sie fühlten sich «immer und ewig abgehetzt » im Umgang mit ihren Sprösslingen.

«Den heutigen Eltern gelingt es nicht mehr, den Alltag ihrer Kinder zu strukturieren, Grenzen zu setzen», stellt Raphael Romano, Psychologe an der Uni Bern, fest. «Sie scheuen sich davor, Ruhezeiten festzulegen, Tischregeln aufzustellen und dafür zu sorgen, dass sie auch eingehalten werden.» Vor allem eine Fähigkeit scheint den Erwachsenen abhanden gekommen zu sein: ihren Kids in die Augen zu schauen, um dann entschieden ein Vier-Buchstaben- Wort zu sagen: Nein.

Vielleicht irrt der Volksmund eben doch. Vielleicht traf Spötter Mark Twain, selbst Vater von vier Kindern, die Wahrheit: «Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.»

Erste Hilfe für Eltern

Doch für den Abwehrkampf fehlt es den Eltern an den banalsten Waffen, an den grundsätzlichsten Strategien: 2003 haben in der Schweiz rund 48'000 Mamas und Papas Hilfe in einem Erziehungskurs gesucht; dreimal so viele wie vor zwanzig Jahren. Kinderaufzucht ist zu einem Wachstumsmarkt im Bildungssegment geworden: «Die Nachfrage nach Erziehungshilfe hat massiv zugenommen», sagt Corinne Boppart vom Schweizerischen Bund für Elternbildung. «Vorab Mittelschichtseltern schreiben sich für die Kurse ein.» Besonders gefragt: Nachhilfe zu Themen wie «Verwöhnen» und «Aggression».

Die Lage ist paradox: Noch nie sind in der Schweiz so wenig Kinder geboren worden (1,4 Kinder pro Frau), noch nie haben ihre Mütter und Väter so viel Zeit (78 Stunden Haus- und Familienarbeit pro Woche) und Geld (820'000 Franken für ein Kind bis 18 Jahre) in ihren Nachwuchs investiert. Aber noch nie waren Mamas und Papas dermassen überfordert.

Wie hilflos müssen Eltern sein, dass sie sich selbst, ihre Kinder und ihr grosses Scheitern im TV vorführen? RTL-Super-Nanny Katharina Saalfrank sagt: «Diese Entwürdigung nehmen die Eltern nur in Kauf, weil sie verzweifelt sind.»

Ein prächtiges Fallbeispiel für die Super-Nanny gäbe auch Mutter Monika V.*, 39, aus dem Schaffhausischen ab. Ihre Tochter Lena* wollte am Mittagstisch kein Gemüse mehr essen. Zu Anfang wiegte sie sich ja noch in der Hoffnung, dass das Kind «eine schwierige Phase durchmache». Vielleicht entdeckt sie jetzt, im Alter von drei Jahren, ihre geschmacklichen Vorlieben? «Auf keinen Fall wollte ich Lena bis in den Nachmittag vor einem vollen Teller sitzen lassen, wie ich es als Kind musste», sagt die Mutter und Hausfrau. Solange Lena Früchte isst, dachte sie, ist alles okay. Aber nichts war okay: Bald ass Lena nichts mehr, was ihre Mutter kochte. Dafür wollte das Mädchen Cornflakes. Oder Gnocchi mit Parmesan.

Monika versuchte alles: Sie schnitzte aus den Karotten ein Krokodil, verwandelte das Würstchen in einen Oktopus. Lena blieb hart. Da tischte Monika eben Cornflakes auf. Oder Gnocchi mit Parmesan. Jeden Mittag, wochenlang. «Sollte ich das Kind denn hungrig vom Tisch gehen lassen? » Der Mittagstisch ein À-la-carte- Betrieb. Zu den Grosseltern ging die Kleine schon lange nicht mehr, weil dort gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Und wenn die Familie Besuch bekam, ass das Mädchen, bevor die Gäste eintrafen, damit die Mutter sich nicht rechtfertigen musste.

Egoismus und Spassverliebtheit

Mama Monika konnte nicht Nein sagen – die Situation eskalierte, als Lena im August 2004 in den Kindergarten kam. Gipfeli und Weggli waren zum Znüni tabu – Klein Lena tobte. Sie verweigerte Früchte, Vollkornbrot. Sie verweigerte die Spiele im Kreis und zuletzt den Besuch des Kindergartens. «Ich wusste nicht mehr ein noch aus», sagt Monika heute, «da hab ich mich für eine Erziehungssupervision angemeldet. » Bleibt zu hoffen, dass die Sitzungen – immerhin kosten sie rund 100 Franken pro Monat – etwas bringen.

Einen Weg hinaus aus der Tyrannei der Knirpse versprechen auch unzählige Erziehungsratgeber, die Monat für Monat auf den Markt geworfen werden. Hier «Wer sagt, wos langgeht?», dort «Liebe als Dressur », oder «Kinder brauchen Grenzen». Alle naselang etwas Neues. Was Wunder, dass die Ratlosigkeit der Ratsuchenden nur noch zunimmt. Jeder Aspekt elterlichen Verhaltens wird in Frage gestellt: Eltern, die Druck ausüben, damit ihre Kinder im Sport oder in der Schule gute Leistungen erbringen, werden der «emotionalen Misshandlung» bezichtigt – umgekehrt geraten Eltern, die genau dies unterlassen, in den Verdacht der Vernachlässigung.

Unter den aktuellen Kursangeboten gelten so genannte Triple-P-Elterntrainings (Positive Parenting Program) als letzter Schrei. Triple P ist das derzeit meistpropagierte Erziehungsmodell. Unterstützt und geadelt vom Bundesamt für Sozialversicherung wird es seit zwei Jahren in der Deutschschweiz flächendeckend angeboten. Die drei P stehen für eine verhaltenstherapeutische Familienintervention, wie es im Fachjargon heisst. Den Eltern werden Strategien beigebracht, wie sie typische Schwierigkeiten des Erziehungsalltags besser meistern lernen: Alltag strukturieren, Formen des Umgangs regeln, Grenzen setzen. Keine theoretischen Konzepte werden in diesen Kursen vermittelt, sondern praxisorientierte Basics. Genau das haben heutige Eltern verlernt.

Erziehungslehren sind volatil wie Börsenkurse. Noch in den Neunzigern waren sich Entwicklungspsychologen, Sozialwissenschaftler und Genetiker einig, dass Mama und Papa gar keinen Einfluss darauf haben, was aus ihrem Nachwuchs dereinst wird. Die Gene, diktierte der Zeitgeist, bestimmten das Wesen des Menschen zu fünfzig Prozent. Der Rest leiste Milieu und Freundeskreis. «Eltern sind austauschbar», titelte der «Spiegel» 1998. Doch nun hat das Pendel zurückgeschlagen. Heute gilt: Erziehung zählt. Fachleute verweisen gern auf die Forschungsergebnisse des Oregon Social Learning Center in den USA, das die Auswirkung des Triple-PTrainings bei geschiedenen Müttern untersuchte: Die Kinder trainierter Mütter waren gehorsamer, weniger aggressiv und leistungsfreudiger. Und auch den Müttern der «erzogenen» Kinder ging es seelisch besser.

Spätestens mit dem Eintritt in den Kindergarten zeigt sich, was in der Familie sträflich versäumt wurde: Verhaltensstörungen, Leistungsschwäche, Autoritätsresistenz, Ego-Orientierung und Spassverliebtheit sind die Schlagworte, die heute landauf, landab Lehrerkonferenzen und Schulbehörden beschäftigen – Kinder scheinen mittlerweile ziemlich unsympathische Charaktere zu sein.

«Grenzen setzen – das mag niemand»

«Heute delegieren die Eltern fundamentale Erziehungsaufgaben an die Schule», klagt Beat W. Zemp, Zentralpräsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. «Elternhäuser waren früher homogener, hatten gemeinsame Normen. Heute liegen unterschiedlichste Meinungen über Erziehung vor. Eltern müssen Anweisungen begründen, Kinder hinterfragen sie. Das macht die Erziehung schwierig. Autorität ist nötig, doch das heisst Grenzen setzen. Und genau das mag niemand.»

Setzte die Schule in der Vergangenheit auf die Vermittlung von Wissen, «muss sie heute als Hauptprodukte Sozial- und Selbstkompetenz herstellen», sagt Zemp. Hier macht der oberste Lehrer die grössten Defizite aus: Schüler können sich nicht mehr in Gruppen bewegen, ihre Meinung artikulieren und durchsetzen. Der Trend zur Einkindfamilie hat fatale Folgen: «Viele Kinder sind erstmals in der Schule mit Gleichaltrigen konfrontiert.» Hinzu kommt der Medienkonsum: «Videogames lehren die Wettbewerbsideologie. Nur besiegte Gegner geben Punkte. Das vermittelt nicht soziales Verhalten.»

Wenn einzelne Schüler im Klassenverband nicht mehr tragbar sind und die Eltern sich im Gespräch mit Lehrpersonen und Schulbehörden uneinsichtig zeigen, greifen die Vormundschaftsbehörden ein: Sie erteilen ihnen Weisungen zu bestimmten erzieherischen Massnahmen, etwa die Überwachung des Fernsehkonsums, errichten eine Erziehungsaufsicht oder ordnen im schlimmsten Fall eine Fremdplatzierung des Kindes an. 1153 Erziehungsaufsichten hat allein die Stadt Zürich im Jahr 2003 errichtet, das sind 10 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Laut der Bildungsplanung Zentralschweiz ist die Zahl der verhaltensauffälligen Schüler in den letzten drei Jahren um 26 Prozent gestiegen. Erst kürzlich musste KIDcare, die Kriseninterventionsstelle in Weinfelden ZH, einen siebenjährigen Buben übergangsmässig fremdplatzieren, weil er seinem Vater, einem gestandenen Landwirt, ein blaues Auge verpasst hatte.

Das Disziplin-Malaise in den Kinderstuben hat auch die Politiker auf den Plan gerufen: Der Solothurner FDP-Kantonsrat und Lehrer Stefan Liechti fordert mit einem Fraktionsvorstoss die Einführung von Schulverträgen zwischen den Erziehungspartnern Schule, Eltern und Behörden. Die Vereinbarungen sollen die Erziehungsinstanzen zu Selbstverständlichkeiten verpflichten, die offenbar keine mehr sind: dass das Kind gefrühstückt hat, wenn es zur Schule kommt. Dass Sechstklässler nach Mitternacht am TV keine Pornos gucken. Aber auch, dass Lehrer sich an den Schulplan halten. «Damit wollen wir garantieren, dass jeder Teil in der Erziehungskette Verantwortung übernimmt.» Die regierungsrätliche Antwort steht aus.

Schon 2002 hat Liechti in einer Motion obligatorische Erziehungskurse für Eltern gefordert; bei Fernbleiben sollte die Kinderzulage gekürzt werden. Der Vorstoss wurde bachab geschickt. Liechti sagt heute: «Das Problem ist nicht gelöst.»

Dies ist auch Verteidigungsminister Samuel Schmid zu Ohren gekommen. Er will zur Erziehung der jungen Leute die Armee mobilisieren – im Dienstreglement 04 ist Erziehung nicht länger unausgesprochener Teil der militärischen Ausbildung, sondern wird explizit erwähnt. Sie soll Verhalten und Werthaltungen lehren: Kameradschaft, gegenseitige Achtung von Ausbildern und Auszubildenden, Bereitschaft zur Mitarbeit, Eigenverantwortlichkeit. Es fragt sich allerdings, ob die Armee als Oberpädagoge richten soll und richten kann, was Eltern und Schule versäumten.

Pädagogik, heute ein gesellschaftliches Minenfeld, ist eine junge Disziplin. Und was heute «Kindheit» genannt wird, hat es so nicht immer gegeben. «Das Mittelalter hat die Abgrenzung zwischen Kindern und Erwachsenen nicht gekannt», schreibt der französische Historiker Philippe Ariès in seinem Standardwerk «Geschichte der Kindheit». Kinder lebten mit den Erwachsenen, waren gekleidet wie Erwachsene und teilten ihren Alltag: Sobald sie gehen und sprechen konnten, mussten sie arbeiten. Besondere Aufmerksamkeit wurde ihnen nicht zuteil. Erziehung war, so Ariès, lediglich ein «Lehrverhältnis»: Das Kind lernte, was zu tun, was zu lassen war, indem es den Erwachsenen bei ihren Verrichtungen half.

Die Familie als Gemeinschaft von Eltern und Kindern entwickelte sich in Europa erst im 15. und 16. Jahrhundert aus den grösseren Sippen- und Stammesverbänden. Im 17. Jahrhundert wurde durch die Moralisten, Pädagogen und Kirchenmänner das Interesse an der Erziehung geweckt. Das Kind wurde zum Gegenstand ernster Verantwortung, die Familie zur moralischen Institution. Erziehung war nicht mehr, aber auch nicht weniger als das Einfordern von Gehorsam, das Austreiben von Eigensinn. Mutter und Vater waren autoritäre Instanzen, die man mit der Höflichkeitsform anzureden hatte. Und das sind sie bis spät ins 20. Jahrhundert geblieben, wenn auch nicht in dieser absolutistischen Form.

Noch in den Sechzigern waren «Struwwelpeter» und Teppichklopfer gängige Bestandteile einer geglückten Erziehung. Grossmutters Generation zerbrach sich nicht den Kopf über Sinn oder Unsinn von handfestem Strafen. Vielmehr handelten sie aus einer kollektiven Überzeugung, dass gängige Regeln ihre Richtigkeit hatten.

Doch vier Jahrzehnte später ist in der Erziehung nichts mehr selbstverständlich. Seit Mama und Papa im Zuge des antiautoritären Erziehungs-Brimboriums ihre Vorrangstellung aufgegeben haben und, bei ihren Vornamen gerufen, als Heidi und Peter ihren Nachwuchs mehr kollegial als erzieherisch durchs Leben begleiten, herrscht Uneinigkeit, wie man ein Kind zu erziehen hat. Was für Grossmütter im Umgang mit Schrei-Babys noch klar war («Schreien lassen, das stärkt die Lungen!»), verunsichert heute nur noch. Und nichts provoziert in einem so genannten aufgeschlossenen Freundeskreis mehr Widerspruch als Grossvaters Erziehungsmaxime «Ein Klaps hat noch keinem geschadet». Ein Konzept jagt das andere. Erziehung heute ist wie das Leben heute: multioptional, pluralistisch, unübersichtlich.

Anything goes – gerade deswegen kommt eine Sendung mit klaren Handlungsanweisungen und autoritären Zügen wie «Die Super-Nanny» bei den Zuschauern so gut an. Fachleute allerdings zweifeln an der positiven Wirkung der Sendung: «Das autoritäre Durchsetzen von Regeln – so sehr Kinder sie vielleicht auch benötigten – überfordert die Eltern vielfach. Schliesslich verlangt es von ihnen eine Konsequenz, der viele auf Dauer nicht mehr gewachsen sind», sagt der Psychologe Andreas Renger von der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie. Wirksame Erziehungskonzepte sind massgeschneidert, berücksichtigen Stärken und Schwächen der Eltern. «Dies ist mühsamer und weniger spektakulär als die von RTL präsentierten Verfolgungsjagden durchs Reihenhaus.»

In der Küche ihrer Dreizimmerwohnung in Reichenburg SZ sitzt Anna M.*, 26. Ihr Sohn Pascal* ist drei Jahre alt. Anna arbeitet als Köchin in einem Restaurant; Feierabend hat sie erst nach Mitternacht. Kommt sie dann nach Hause, kriecht der Dreijährige zu ihr ins Bett, hebt ihr das Nachthemd und packt sich gierig die Brust. Ohne zu fragen. Anna lässt ihren Sohn über Monate, über ein Jahr lang gewähren. Auch sie kann nicht Nein sagen. Ausgelaugt von Monaten nächtlichen Stillens, stellte die Mutter fest: «Ich kann nicht mehr.» Anna – stolz darauf, als eine Mutter immer noch in ihre Miss-Sixty-Hosen Grösse 36 zu passen – klagt nun über Augenringe und schlechte Haut. Diskutiert sie mit ihrem Mann Sven*, 37, erstickt das Gespräch in Tränen und Streit: «Ich wollte meinem Sohn nicht die Liebe entziehen», sagt die Mutter. «Und ich war zu müde, um ihm die Brust zu verweigern. Er hätte getobt.» Erst als ihr Mann sie für eine Woche in die Ferien schickte und sich allein um den Sohn kümmerte, schlief der Dreijährige durch.

Das Drama des späten Gebärens

Es gibt sie, die erkennbaren Leitlinien im Dschungel der Erziehungskonzepte: Grenzen setzen, konsequent bleiben, Verstösse sanktionieren. Dieses Einmaleins predigt heute jeder Pädagoge, jeder Kinderpsychologe, jeder Kursleiter. Auch Pädagogin Saalfrank, die «Super-Nanny»: «Das Wichtigste ist, Kindern mit liebevoller Konsequenz zu begegnen. Deutlich zu machen, wo die Grenzen sind.»

So einfach das klingt, so schwer tun sich heutige Eltern damit. Was bringt Mütter und Väter, erwachsene Menschen, die im Beruf gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen, gar zu befehlen, dazu, sich von kleinen Tyrannen unterjochen zu lassen? Weshalb huldigen sie ihrem Nachwuchs, als wären sie Prinzen und Prinzessinnen?

«Die Gesellschaft hat das nüchterne Verhältnis zum Kind verloren», sagt der Zürcher Kinderpsychologe Allan Guggenbühl. Er sieht ein Grundübel in der demografischen Entwicklung: Die Geburtenrate sinkt, immer mehr Paare bleiben kinderlos, und wenn sie Kinder haben, dann eines, höchstens zwei. Lebten 1930 noch in jeder vierten Familie drei oder mehr Kinder, so hatte im Jahr 2000 nur noch jedes zehnte Paar mehr als zwei Kinder. Während früher Kinder im öffentlichen Raum allgegenwärtig waren, lärmten und spielten, begegnen wir ihnen heute nur mehr in dosierten Portionen, zumeist an der Hand von Mutter oder Vater. «Es gibt immer weniger Kinder, und die wenigen erhalten immer mehr Aufmerksamkeit», sagt Guggenbühl. «Heutige Paare haben die Kinder spät und ausschliesslich.» Das Kind gehört nicht mehr einfach zum Leben der Eltern, es wird zu ihrem Leben. Das zeigt schon der veränderte Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern. Bis weit in die Sechzigerjahre war Stillen nach Stundenplan verbreitet. Wer sein Kind bei jedem Gebrüll an die Brust nimmt, gewöhne ihm tyrannisches Verhalten an, hiess es. Ein Baby gehörte in die Wiege, und wenn es krabbeln konnte, ins Laufgitter.

Heute schleppt der softe Papi sein Baby im Tragtuch durch die Gegend. Ein Pieps des Filius genügt – und Mama steht nachts vor dem Stubenwagen. Und selbstverständlich wird die ganze Wohnung umgestellt, jede Schublade, jede Steckdose gesichert, damit das Töchterchen die heimische Welt uneingeschränkt entdecken kann. Der Laufstall ist Tabu, er könnte den Forschergeist des Kindes hemmen.

«Das Kind wird zum Träger narzisstischer Projektionen, zur Verlängerung des eigenen Selbst», sagt Guggenbühl. Im Bemühen, dem Kind nur das Beste zu geben, versuchten viele Eltern, es zu behüten, ihm jede Mühsal abzunehmen, jegliche Frustration zu ersparen. Was möchtest du trinken? Möchtest du jetzt ins Bett? Sie bauen ihrem Krabbelbaby Legotürme, fahren den Dreijährigen von der Spielgruppe ins Judo, und wenn er dann acht Jahre alt ist, hat er sich längst daran gewöhnt, dass die Mutter ihm jeden Anflug von Langeweile aus der Welt schafft.

«Zuwendungsterror» nennt der Deutsche Soziologe Reimer Gronemeyer den heutigen Kult ums Kind. Und die Freiburger Sozialpsychologin Herrad Schenk fragt in ihrem Bestseller «Wie viel Mutter braucht der Mensch?» sogar, ob die Kinder heute nicht zu viel Liebe bekommen. Natürlich wünsche niemand die Zeit zurück, in denen Babys sich selbst überlassen wurden, Kinder schwerste Arbeiten erledigen mussten. Doch Überbehütung und Vernachlässigung, sagt Schenk, lägen dicht nebeneinander. Schliesslich sei die Liebe zum Kind die Triebfeder der Verwöhnung. Eine Folge: Kindergärtler beherrschen heute die alltäglichsten Dinge nicht mehr – Nase putzen, Schuhe binden, sich selber ankleiden.

Dass Überbehütung zum Risikofaktor im Kinderleben werden kann, gilt als erwiesen, seit Harvard-Psychologe Jerome Kagan in den Neunzigerjahren in seinen mittlerweile berühmten Studien über die Kleinkindentwicklung nachgewiesen hat, dass leicht reizbare Babys sich zu selbstbewussten und selbstständigen Kindergärtlern entwickeln. Vorausgesetzt die Eltern räumen ihnen nicht überängstlich jeden Stein aus dem Weg. Andernfalls verstärken Mama und Papa mit ihrer ständigen Präsenz und Sorge die Anlagen des Kindes: Es bleibt reizbar, schüchtern und kann sich neuen Situationen nur schlecht anpassen.

«Schluss mit der Überbehütung!», fordert der britische Soziologe Frank Furedi in seiner viel beachteten Abhandlung «Die Elternparanoia» folgerichtig: «Eltern müssen wieder lernen, auf ihre natürlichen Fähigkeiten und eigenen Urteile zu vertrauen.» Allan Guggenbühl plädiert für eine «gemässigte Kinderfeindlichkeit»: Für Eltern, die den Kindern wieder mit Widerstand und Abgrenzung begegnen und die Angst ablegen, ihr Kind könnte einen Schaden davontragen, wenn es seine Bedürfnisse einmal zurückstecken muss.

Elternstreik als letzte Hoffnung

Aber bis es so weit ist, wirds wohl noch dauern. Spät, zu spät hat ein Elternpaar in Enterprise, Florida, seinen Nachwuchs entthront: Cat Barnard, 45, und ihr Mann Harlan, 56, wohnen seit Anfang Dezember in einem Zweierzelt auf dem Garagenvorplatz ihres Hauses. Das Elternpaar streikt. Sohn Benjamin, 17, und Tochter Kit, 12, nämlich weigern sich standhaft, selbst einfachste Hausarbeiten zu übernehmen, ihre Zimmer aufzuräumen, den Eltern im Garten zur Hand zu gehen. «Wir haben es mit dieser und jener Psychologie versucht», sagt Cat. Selbst ein Therapeut wurde beigezogen. Vergebens.

Mutter und Vater rühren sich jetzt nicht mehr vom Fleck. Sie haben zu einem letzten Mittel gegriffen, zum zivilen Ungehorsam gegenüber dem eigenen Nachwuchs: In der Küche stapelt sich das Geschirr, in der Waschküche die Schmutzwäsche. Sohn Ben gibt sich inzwischen einsichtig: «Ich erkenne die Arbeit, sie wird erledigt, wenn ich Zeit habe», sagt er. Mutter Cat will warten, bis den Worten Taten folgen.

Der Streik ist ein gleichermassen kolossales wie tragisches letztes «Nein!»

* Namen von der Redaktion geändert.

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SUCHBEGRIFF:

 
Gewaltfrei erziehen