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Standort: Home > Themen > Kinderschänder > Angers in Frankreich

Reuters
03. März 2005
Pierre-Henri Allain

Spektakulärer Kindesmissbrauchs-Prozess in Frankreich

(Reuters) - In der westfranzösischen Stadt Angers hat am Donnerstag ein spektakulärer Prozess gegen 66 Männer und Frauen wegen schwerer Fälle von Kindesmissbrauch begonnen.

Begleitet von Polizisten betraten die ersten Angeklagten nacheinander schweigend das Gericht zu einem der grössten Strafprozesse in der Geschichte Frankreichs. Die Anschuldigungen reichen von Überlassung der Kinder zur Prostitution bis hin zu Vergewaltigung. Betroffen sind 45 Kinder und Babys. 15 Paare sollen ihre Kinder für Sex angeboten und als Gegenleistung geringe Geldsummen oder Lebensmittel erhalten haben. Das jüngste Opfer war laut Anklage erst zwei Monate alt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll ein grosser Kinderschänderring von Januar 1999 bis Februar 2002 aktiv gewesen sein. Der Fall hat ganz Frankreich schockiert.

 

"Der Prozess wird nicht ausschliesslich auf den Aussagen der Kinder beruhen", sagte einer der Ankläger. "Es gibt auch Geständnisse." Erst vor knapp einem Jahr war in Outreau in Nordfrankreich ein Ehepaar schuldig gesprochen worden, das seine Kinder anderen Personen für sexuelle Handlungen überlassen hatte. Allerdings wurden damals viele weitere Verdächtige des Kinderschänderrings freigesprochen, nachdem die Hauptangeklagte ihre Anschuldigungen zurückgezogen hatte. Die französischen Medien ziehen bereits jetzt Parallelen zwischen den beiden Prozessen in Angers und Outreau.

In Deutschland hatte im vergangenen Jahr ein spektakulärer Prozess um das Verschwinden des fünfjährigen Pascal aus Saarbrücken für Aufsehen gesorgt. Pascal wurde vermutlich sexuell missbraucht und ermordet, seine Leiche wurde jedoch bis heute nicht entdeckt. In dem Prozess stehen insgesamt 13 Angeklagte vor Gericht. Hauptangeklagte ist Christa W., die als Wirtin eines Lokals Pascal und andere Kinder über Jahre hinweg zum sexuellen Missbrauch verkauft haben soll.

ANWALT: "KINDER SIND ERNSTHAFT TRAUMATISIERT"

Im Justizgebäude in Angers wurde für rund eine Million Euro eigens ein 400 Quadratmeter grosser Saal eingerichtet. Etwa 60 Anwälte haben ihre Arbeit aufgenommen, 150 Zeugen sollen vernommen werden. In dem Prozess werden 39 Angeklagte der Vergewaltigung Minderjähriger beschuldigt, den übrigen wird sexuelle Nötigung Minderjähriger vorgeworfen. "Diese 45 (missbrauchten) Kinder sind ernsthaft traumatisiert", sagte Anwalt Jacques Monier der Zeitung "Le Parisien" über die Opfer. Er vertritt zehn der Kinder. Einige von ihnen hätten Essstörungen, andere seien aggressiv oder sprächen nicht mehr.

 

20 der Angeklagten haben bereits jede Verbindung zu dem Kinderschänderring bestritten. Andere änderten ihre Aussagen während der Untersuchungen mehrmals. Die Ermittler konnten bislang keine Beweise für einen möglichen Missbrauch sichern. Wie aus Gerichtskreisen verlautete, wurden weder pornografische Fotos oder Filme von Opfern gefunden noch gab es von ihnen medizinische Gutachten, in denen ein sexueller Missbrauch oder Vergewaltigungen bestätigt wurden.

Die Hauptverhandlung soll am 10. März beginnen. Am Donnerstag ging es zunächst um eine Entscheidung des Gerichts, ob das Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden soll.

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Kölnische Rundschau
03. März 2005

„Diese Kinder sind seelisch zerstört”

Angers - 66 Angeklagte, 45 Opfer, Inzest, Gruppensex und Zwangsprostitution: Im westfranzösischen Angers hat am Donnerstag der grösste Kinderschänderprozess in der Justizgeschichte des Landes begonnen.

Den 39 Männern und 27 Frauen aus einem sozialen Randviertel von Angers werden hundertfache Vergewaltigung und sexuelle Gewalt auch gegen ihre eigenen Söhne und Töchter vorgeworfen. Die Details von den Partys, auf denen Eltern ihre Kinder für etwas Geld oder eine Stange Zigaretten zu Sex auch mit Freunden und Nachbarn zwangen, sind so schrecklich, dass der auf vier Monate angesetzte Prozess hinter verschlossenen Türen abgewickelt werden soll. Nur die Presse darf dabei sein.

Die 45 Kinder, während ihres Martyriums zwischen sechs Monaten und zwölf Jahren alt, mussten von Januar 1999 bis Februar 2002 «die Hölle» und eine «unaussprechliche Gewalt» ertragen, erläuterten Psychologen. Wie «Handelsware» wurden sie an Pädophile vermietet und zu übelsten Sexspielen gezwungen, vielfach nur für ein Nahrungsmittelpaket. Sogar Grosseltern missbrauchten ihre Enkel, und auch eine ganze Reihe von Müttern schreckten nicht davor zurück, «aktiv» bei allem mitzumachen.

«Die Kinder sind seelisch zerstört und haben schwerste Verhaltensstörungen», beschreibt ein Gerichtspsychiater den Leidensweg der Sex-Opfer von Angers. «Sie sind so traumatisiert, dass sie kaum mehr in Anwesenheit von Erwachsenen essen können.» Andere wiederum sind äusserst aggressiv. Oder fast stumm. Ein kleines Mädchen bekommt immer Panik und brüllt aus Leibeskräften, sobald ein Erwachsener sich nähern will. Und eine Mutter kann ihre beiden damals missbrauchten Söhne nicht einen Moment aus den Augen lassen: «Sie treiben sofort Sex-Spiele miteinander, wenn man sie allein lässt.»

 

In diesem Sozialviertel am südlichen Rand der Bistumsstadt an der Maine mit seinen hellen und sauber gestrichenen Wohnblocks hat keiner etwas von den hundertfachen Qualen der Kinder in dem «fürchterlichen Albtraum» - so beschrieb es eine Kinderhilfsorganisation - gemerkt. Dabei waren die meisten Angeklagten den Sozialdiensten und in vielen Fällen auch der Justiz bekannt - arbeitslos und unausgebildet schlugen sie sich mit Sozialhilfe durch oder bekamen, als behindert anerkannt, ein paar Euro. Alkoholiker, Vorbestrafte und Analphabeten prägen das soziale Milieu, in dem es dann offenbar nur noch ein Schritt war bis zu dem reihenweisen sexuellen Missbrauch aus Perversion und Geldgier. Die heute angeklagt sind, sind oft selbst als Kinder missbraucht worden.

Erst als ein betroffenes junges Mädchen im Januar 2002 zur Polizei ging, kam das entsetzliche und lange Leiden der Kinder von Angers ans Tageslicht. Die Ermittler kamen dann nach und nach den Tätern auf die Spur, darunter 27 Frauen. «Es gibt kaum mehr Verhaltensunterschiede zwischen Frauen und Männern», sagt der Gerichtspsychiater Christian Gaussares. Er erklärt dies mit der gesellschaftlichen Entwicklung, auch wenn früher schon Söhne von ihren Müttern vergewaltigt wurden. Das soziale Milieu dürfte Scham und die letzten Hemmungen beseitigt haben: «Für diese Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, gibt es keine Grenzen mehr zwischen Gut und Böse», erläutert der Experte.

«Der Prozess muss einen kollektiven Elektroschock auslösen», sagt Alain Fouquet, einer der Anwälte der Kinder. «Ich erwarte von diesem Verfahren, dass an erster Stelle die Kinder angehört werden.» Erst in der nächsten Woche geht es um die eigentlichen Vorwürfe. Allein drei Tage sind dafür angesetzt, die 430 Seiten der Anklageschrift verlesen zu lassen. Der Prozess dauert bis Ende Juni. Vier Monate waren darauf verwandt worden, für das Verfahren eigens einen 360 Quadratmeter grossen Saal zu bauen. Den Angeklagten von Angers drohen Haftstrafen zwischen drei Jahren und - bei drei mutmasslichen Wiederholungstätern - lebenslang. (dpa)

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