In der Wildschweinfalle
Schweizer Jugendliche im spanischen Foltercamp? Unglaublich! Stimmt. Erstens ist die Geschichte kaum halb so schlimm wie von der Schlagzeilenpresse gemacht. Und zweitens ist sie schlimmer: Wirklich hart sind die Mauscheleien des Zürcher Sozialamts.
Hinter den Berichten über das angebliche Foltercamp in Spanien, die seit nunmehr zehn Tagen die Nation bewegen, stecken viele Geschichten, die mit dem bisher Gesagten und Geschriebenen freilich oft wenig gemeinsam haben. Da ist etwa die Geschichte um einen Aussteiger, der von einem windigen Geschäftemacher zum Pädagogen erhoben und dann von einem profilierungssüchtigen Polizeichef zum Monster degradiert wird; es ist aber auch ein Schwank um Pubertierende, die mit Halbwahrheiten eine Schar atemloser Journalisten wie Tanzbären an der Nase herumführen; und es ist schliesslich eine skandalträchtige Farce aus dem Zürcher Sozialdepartement, wo das Geld offenbar recht locker zu holen ist.
Die eine Geschichte beginnt im Zürcher Limmattal, wo 1961 Armin Schlegel in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren wurde. Armin war ein eigensinniger Junge, der sich lieber im Wald herumtrieb als in der Schule und deshalb mit zwölf Jahren im Internat landete. Eine Lehre als Automechaniker brach er nach zwei Jahren ab, kaum war er volljährig, zog er los mit Ross und Wagen in Richtung Süden und liess sich ein paar Jahre lang in Zürich nicht mehr blicken. Nach seiner Heimkehr war Schlegel, den man allenthalben unter dem Spitznamen «Laos» kannte, im Umfeld der Drogenszene am Platzspitz anzutreffen, wo seine Freundin verkehrte. In diesem Ambiente wurde Laos Vater – ein Schlüsselerlebnis, das sein Leben prägen sollte.
Mietfrei in der Idylle
Während die Mutter des Knaben im Elend hängen blieb, erteilte Laos allen Drogen (inklusive Tabak) eine radikale Absage, spannte 1992 seine Rösser erneut vor den Wagen und packte seinen kleinen Sohn hintendrauf. Es sollte drei Jahre dauern, bis die beiden in Portugal ankamen. Fortan lebte Laos, mit kurzen Abstechern in die Schweiz, auf der Iberischen Halbinsel – als Höhlenbewohner bei Salamanca, als Schäfer in Andorra, als Öko-Bauer in Katalonien. Nebenbei war er auch Lehrer seines Sohnes, der die meiste Zeit an seiner Seite verbrachte und sich an Ersatzmütter gewöhnen musste.
Im März 2000 war Laos wieder einmal mit Pferd und Wagen in Nordspanien unterwegs, als bei Sant Lorenç de la Muga ein Esel erkrankte. Auf der Suche nach einem Rastplatz stiess er auf die Ruinen von Can Gener: ein einst stattliches Gehöft am Ufer eines Stausees inmitten einer verwilderten Waldlandschaft von betörender Anmut. Der Besitzer liess Laos und seine Begleiter gewähren, sie mussten nicht einmal Miete zahlen, und bald war auf Can Gener ein Kommen und Gehen. Aussteiger aus aller Welt fanden den Weg ins abgelegene Gehöft, wo tagsüber biologisch geackert und am Abend bei Kaminfeuer und Gitarrenklängen der Aufbau einer besseren Welt ohne Krieg, Gier und Gift geplant wurde.
Auftritt des Ex-Lehrers
Viele kamen und gingen wieder. Breton, ein ins Alter gekommener ehemaliger Seemann und Hirte, wurde sesshaft. Geblieben ist auch die 31-jährige Lorena, eine Medizinstudentin aus Argentinien, die auf einer Bank in der nahen Stadt Figueras arbeitete. Ursprünglich hatte sie nur ein Wochenende am See verbringen wollen. Heute ist sie die Partnerin des Hausherrn Laos.
Zu den regelmässigen Besuchern gehörte sodann Beat Dünki, der gesetzliche Beistand von Laos’ Sohn. Der ehemalige Lehrer aus Zürich hatte sich schon in allen möglichen Geschäften versucht. Zusammen mit Dünki kam Laos auf die Idee, aus Can Gener ein Camp zu machen für Pubertierende, die ihren Eltern über den Kopf gewachsen waren. Das Konzept hat etwas Bestechendes an sich, und es dürfte in vielen Fällen funktioniert haben: Auf dem abgelegenen Gehöft, fern von den Verführungen der Zivilisation, sollen die Jugendlichen ihre Grenzen und Bedürfnisse ausloten; der unkonventionelle, mit einer blühenden Fantasie und beachtlichem Durchsetzungsvermögen gesegnete Tüftler Laos sollte ihnen zeigen, dass es ausserhalb aller gesellschaftlichen Normen Alternativen gibt, wenn man danach sucht.
In einem Vertrag wurde festgehalten, dass die Vermittlung der Jugendlichen und die Finanzen exklusiv über die von Dünki beherrschte, in Zug domizilierte Firma Time Out abgewickelt würden. Für Laos wurde ein Betrag von 70 Franken pro Teenager und Tag festgesetzt, was ihm grosszügig erschien. Dass in der Schweiz in der Regel das Dreifache bezahlt wird, will er nicht gewusst haben. Kurz vor Weihnachten 2003 traf der erste Bursche in Can Gener ein: der damals 15-jährige Simon C., der sich mittlerweile als Experte für Erziehungsfragen vor den TV-Kameras (der «Club», «Talk täglich») produziert, wobei er über Laos kaum Nachteiliges zu berichten wusste (ausser dass ihm dieser noch 300 Euro schulde). Simon C. scheint der Aufenthalt in Can Gener jedenfalls nicht geschadet zu haben, er absolviert heute eine Lehre.
Auf dem Camp lebten die Jugendlichen relativ selbständig in ausrangierten Wohnwagen. Der Arbeitstag dauerte von 8 bis 18 Uhr, unterbrochen von der ortsüblichen Siesta. Wer nicht mit den Tieren, im Gemüsegarten oder mit Bauarbeiten am Hof beschäftigt war, konnte unter der Anleitung von Laos auf einem kleinen Schrottplatz im hinteren Teil der Anlage alte Gefährte und Maschinen restaurieren. Die meisten Arbeiten brachten kaum einen Ertrag, und nicht selten war der angerichtete Schaden am Ende höher. Ab und an verrichtete ein Jugendlicher einen bezahlten Gelegenheitsjob auswärts, etwa bei Lola, der französischen Barkeeperin im nahen Sant Lorenç, wo die Teenager in ihrer Freizeit jeweils einkehrten.
Das dritte Rad am Wagen
Das Unheil nahm vergangenen Sommer seinen Lauf, als drei Pubertierende auf Can Gener weilten: Valmi, Sarah und Jens. Es war etwa so, als hätte man Schwefel, Salpeter und Kohle vermengt – drei an sich harmlose Stoffe, die erst in der Kombination zu Sprengstoff werden. Zwischen Valmi und Sarah bahnte sich ein Liebesverhältnis an, Jens stand aussen vor. Die Spannungen eskalierten erstmals im Juni 2005, als Jens mit einem Küchenmesser auf Valmi losging – und in der Folge für drei Stunden in der famosen «Wildschweinfalle» landete, von der noch viel die Rede sein wird. Es war der einzige Ort auf Can Gener, der sich überhaupt richtig zusperren liess.
Jetzt brauchte es nur noch Feuer und einen Sprengmeister. Dünki von Time Out schickte die beiden fehlenden Elemente Anfang März 2006 aus Zürich in der Person von Aldo* und Pedro*. Der quirlige Aldo, der an schweren Persönlichkeitsstörungen leidet, mit Ritalin behandelt wird und wohl in professionelle Hände gehört hätte, wurde in einer Feuerwehrübung nach Spanien umplatziert, nachdem er seinen bisherigen Betreuer der Pädophilie bezichtigt hatte. Sprengmeister Pedro dagegen, ein gebürtiger Lateinamerikaner, der zum Entsetzen seines Vaters lieber kiffte, statt Fussball zu spielen, wurde zur Strafe für zwei Monate nach Spanien geschickt. Während Pedro seiner Abneigung gegenüber dem Landleben bei jeder Gelegenheit freien Lauf liess, brachte Aldo mit seinen Intrigen das labile Gleichgewicht zusätzlich ins Wanken.
Die Stimmung kippte am 13. März, nach einem Skiausflug in die nahen Pyrenäen. Der Anlass war nichtig: ein Tabakverbot, das Laos aus verschiedenen Gründen verhängt hatte. Valmi und Pedro waren in einen fremden Wohnwagen eingebrochen, Jens hatte in seinem Camper trotz Brandgefahr gepafft, Sarah versorgte ihn trotzdem heimlich mit Zigaretten. Und Aldo provozierte ohnehin permanent, so dass er schliesslich ein paar Stunden im Gitterkäfig verbrachte, mit dem normalerweise Wildschweine gefangen werden.
Laos versichert, dass er die ganze Zeit neben Aldo gearbeitet habe, der die als Strafe gedachte Massnahme ohnehin eher als Spass aufgefasst habe. Nun ist ein rund zwei Kubikmeter grosser Gitterkäfig fraglos kein akzeptabler Aufenthaltsort für ausser Rand und Band geratene Kids. Im Rückblick findet auch Laos diese Strafaktion deplatziert. Doch wer selber schon mit Pubertierenden zu tun hatte, der weiss, dass Erwachsene in der Verzweiflung manchmal Dinge tun, die ihnen im Nachhinein selber unbegreiflich erscheinen. Und in Anbetracht der seelischen Grausamkeiten, welche die meisten dieser Kinder erst zu dem gemacht haben, was sie sind, hat die grosse Empörung um die Wildschweinfalle auch etwas Heuchlerisches an sich.
Entscheidend ist letztlich, ob die Käfigaufenthalte, die Laos insgesamt vier Mal verhängte, von den Betroffenen tatsächlich als Erniedrigung empfunden wurden – und das wissen nur sie selber. Andere indiskutable Strafen, namentlich Schläge, dürften nach aktuellem Wissensstand nicht verhängt worden sein. Die ausgebufften Teenager ahnten allerdings instinktiv, dass sie mit der Wildschweinfalle – allein schon der Begriff ist spektakulär – einen Trumpf gegen Laos in der Hand hatten. Als die fünf am 25. März 2006 bei Nacht und Nebel auf Kurve gingen, hatten sie gemäss einer späteren Darstellung von Jens vereinbart, die Zustände auf dem Camp als unmenschlich darzustellen. Gemäss dieser Version liess sich Aldo eigens zu diesem Zweck von den andern verprügeln: Die blauen Flecken könnte man bei Bedarf Laos anlasten.
Je schlimmer, desto besser
Per Autostopp reisten die Teenager nach Figueras, wo sie in einem Park nächtigten – und wo Laos am nächsten Morgen zwei von ihnen, Jens und Aldo, wieder aufgabelte. Die anderen drei befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Rückreise in die Schweiz. Fünf Tage später, am 30. März, ging Aldo erneut auf Kurve – und wieder schaffte er es nur bis Figueras, wo der verwahrloste Bursche einem pakistanischen Wirt auffiel. Der Pakistani gab ihm etwas zu essen und rief, ohne Aldos Wissen, die Polizei. Einiges weist darauf hin, dass Aldo den Uniformierten jene Schauergeschichte auftischte, die man zuvor vereinbart haben soll. Jedenfalls stürmte die Polizei am nächsten Nachmittag Can Gener und verhaftete Laos, dessen Freundin Lorena und den 60-jährigen Hirten Breton. Jens wurde verhört und in die Schweiz zurückgeschickt.
Nach einem Wochenende hinter Gittern und einer richterlichen Befragung kamen die drei Verhafteten am Montag wieder auf freien Fuss – was darauf hinweist, dass der Richter den Vorwürfen kein grosses Gewicht beimass. Nicht so die katalanische Polizei, die Mossos da Scuadra, die wegen angeblicher Schlamperei in einem anderen Fall von Kindsmisshandlung seit Tagen unter Beschuss stand. Bereits am Montagabend meldete sich bei Laos ein Journalist der Zeitung El País, der von den Mossos neben der Handynummer detaillierte Informationen zum Fall erhalten hatte. Und bereits am Dienstag strahlten erste TV-Stationen Ausschnitte eines Videos vom «Horrorcamp» in Sant Lorenç aus, das die Polizei angeblich zur Spurensicherung gedreht hatte. Es war von Kindern die Rede, die mit Eisenstangen malträtiert und monatelang wie Zootiere in Käfigen vegetiert hätten.
Nicht mal eine Briefkastenfirma
Als am Dienstagnachmittag der Medientross mit Übertragungswagen, Kameras und zwei Dutzend Reportern auf dem verschlafenen Can Gener auffuhr (neben den spanischen Medien war der Blick ganz vorne mit dabei), machte Laos so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann – sofern man in einer solchen Situation überhaupt etwas richtig machen kann. Zuerst zog er sich eine vergammelte Perücke über und versteckte sich hinter einer riesigen Sonnenbrille (womit er die perfekte Vorlage für ein Bild des «Wahnsinnigen» lieferte), dann zeigte er den ungebetenen Gästen offenherzig den Wildschweinkäfig und den Schrottplatz. Seine Unschuldsbeteuerungen blieben ungehört. Wer nimmt schon den langen Weg nach Can Gener in Kauf, nur um zu berichten, dass alles halb so schlimm sei. Die Meinungen über das «Foltercamp» waren längst gemacht, und Blick machte aus «Laos» in der Hitze des Gefechtes sogar kurzerhand eine «Laus».
In Zürich ging Time-Out-Chef Dünki derweil auf Distanz, kündigte die Zusammenarbeit mit Laos umgehend auf und bezeichnete dessen Methoden, von denen er nichts gewusst habe, als «unerträglich». Dünki befand sich in der Zwickmühle: Von den monatlich 4700 bis 7200 Franken, die er etwa beim Sozialamt der Stadt Zürich pro Kind kassierte, hatte er lediglich rund 2000 Franken nach Spanien weitergeleitet. Wofür, fragt man sich, liess sich der Mann, von dem keine Geschäftsadresse bekannt ist und der selbst auf Verträgen lediglich mit einer Handynummer figuriert, so fürstlich entlöhnen? Immerhin verwaltete der ehemalige Lehrer über seine Zuger Firma, von der heute nicht mal mehr ein Briefkasten zeugt, allein für das Zürcher Sozialamt mindestens ein Dutzend Kinder. Wie viele es insgesamt sind, wollte der Mann, der zwar viel redet, aber wenig sagt, gegenüber der Weltwoche nicht preisgeben.
Eine Bäuerin aus dem Zugerland, die früher gelegentlich Kinder von Dünki aufnahm und sich im Streit von ihm trennte, bezeichnete diesen als «geldgierig». Ähnlich äusserte sich gegenüber der Weltwoche eine Sozialpädagogin und fünffache Mutter*. Dünki hatte einen ihrer Söhne, der in die Drogensucht abgeglitten war, in Can Gener platziert. Die Massnahme war ein Erfolg – der junge Mann schwärmt heute noch von Laos –, bis sich die Mutter weigerte, die ihrer Ansicht nach völlig überrissenen Forderungen von Time Out weiter zu begleichen. Gemäss ihrer Darstellung beharrte Dünki auf Barzahlungen und machte Aufstände, als die Mutter eine Quittung verlangte, was Dünki allerdings bestreitet. Vor allem aber hat die Pädagogin heute den Eindruck, dass das angeblich hochkarätige «Team», von dem Dünki immer geredet habe, im Wesentlichen aus ihm allein bestehe. Jedenfalls habe sie ausser ihm nie einen Mitarbeiter kennen gelernt, trotz zahlreicher Treffen, die aber immer in Restaurants stattgefunden hätten. Kurzum, die Pädagogin fühlte sich über den Tisch gezogen.
Doch das ist nicht der einzige Grund, warum im Zürcher Sozialdepartement die Nerven blank liegen. Abklärungen nach dem Auffliegen der Affäre hatten gemäss Informationen der Weltwoche nämlich ans Tageslicht gebracht, dass Laos pro forma an der Zürcher Adresse von Dünki angemeldet war – und dass er während Jahren in Zürich Fürsorgehilfe bezogen hatte. Mit anderen Worten: Dasselbe Amt, das Laos Kinder für teures Geld zur Arbeitserziehung schickte, stufte diesen selber als erwerbsunfähig ein und zahlte ihm eine Rente.
Gemäss Laos’ eigenen Angaben kam das so: Nachdem er sich in Can Gener niedergelassen hatte, beantragte er in Zürich eine Alimentenbevorschussung für seinen minderjährigen Sohn, wobei er die Adresse von Dünki verwendete, dem Beirat seines Sohnes. Als festgestellt wurde, dass er über keine regulären Einkünfte verfügte, habe das Sozialdepartement auch ihn auf die Payroll genommen. Das alles sei ihm heute peinlich, versichert Laos, doch die Verlockung sei einfach zu gross gewesen. Schliesslich habe er bald nur noch einmal im Jahr bei seinem Betreuer vorgesprochen.
Dünki nahm für Laos die Post entgegen, will aber nichts von den Gaunereien seines Partners gewusst haben, die er verurteile. Im Sinne eines Entgegenkommens habe er trotzdem gegenüber der Stadt aber seine Bereitschaft signalisiert, die von seinem Geschäftspartner unrechtmässig bezogenen Fürsorgegelder im Betrag von 63000 Franken zu begleichen und bei diesem einzufordern. Laos will das Geld längst verpulvert haben. Das Zürcher Sozialamt mochte auf Anfrage lediglich bestätigen, dass am 6.April eine Strafanzeige gegen Armin Schlegel wegen Betrugs eingereicht worden sei.
Sprengmeister Pedro lässt sich vom Blick derweil als Überlebender des Foltercamps feiern. Auf einem grossformatigen Bild, seine heiss-geliebte Freundin in den Armen, strahlte er vergangene Woche, mit dem milden Lächeln des Leidgeprüften in den Augen, der konsternierten Nation entgegen.
*Die Namen sind der Redaktion bekannt. |